UX Festival 2026 in Erfurt: Zwischen Sandkasten-Metapher und Strategie-Realität

Das UX Festival 2026 in Erfurt hat fĂĽr mich ziemlich gut gezeigt, wo die UX-Community gerade steht: Zwischen KI-Euphorie, Ăśberforderung, Strategiefragen und dem Wunsch nach ehrlichem Austausch.
Und ja: Dieser Erfahrungsbericht kommt etwas später als geplant. Einige von euch hatten schon danach gefragt – aber direkt nach dem UX Festival ging es für mich weiter aufs Fusion Festival, wo ich ebenfalls viel über Leadership, Gemeinschaft und Verantwortung gelernt habe. Vielleicht brauchte es auch genau diesen Abstand, um die vielen Eindrücke aus Erfurt nicht nur zu sammeln, sondern wirklich einzuordnen.
Mein Eindruck in einem Satz?
‍Volle Räume, spannende Sessions, neue Begegnungen und jede Menge Gespräche, die noch lange nachwirken werden.
Und gleichzeitig war es fĂĽr mich kein Event, aus dem ich einfach nur beseelt herausgegangen bin. Es hat mich auch nachdenklich gemacht. Vielleicht sogar genau deshalb.
‍
Mein erstes German-UPA-Barcamp
Das UX Festival war für mich das zweite Barcamp in diesem Jahr – und mein erstes Barcamp von der German UPA. Und ich sage es direkt ehrlich: Barcamps sind nicht gerade mein Lieblingsformat. Spontan einen Beitrag pitchen. In der Schlange stehen. Sich entscheiden müssen, wo man hingeht. Sessions, die manchmal eher angerissen als wirklich vertieft werden. Diskussionen, die auf der Metaebene hängen bleiben. 45 Minuten, in denen man gerade warm wird – und dann ist es schon wieder vorbei. Aber: Bedürfnisse sind unterschiedlich. Für viele Menschen ist dieses offene Format super wertvoll. Es senkt Hürden, schafft Begegnungen und bringt Themen auf die Agenda, die in einem klassischen Konferenzprogramm vielleicht keinen Platz gefunden hätten. Und diese Community-Energie war definitiv spürbar.
Ich habe viele tolle Gespräche mit Menschen geführt, die ich bisher nur digital kannte. Und natürlich auch viele bekannte Gesichter wiedergesehen. Genau dafür liebe ich solche Veranstaltungen dann doch wieder: Für diese Momente zwischen den Sessions, in denen plötzlich ein ehrliches Gespräch entsteht.
‍
Arbeitskreise, Buchprojekt und Community-GefĂĽhl
Für mich ging es schon am Freitag los. Die Leitenden der Arbeitskreise haben sich auf dem Gelände getroffen, um gemeinsam zu reflektieren: Wo stehen wir? Welche Handlungsfelder sehen wir? Was läuft gut? Wo hakt es?

Abends saĂźen wir bei Pizza zusammen. Ganz unkompliziert. Und ich habe gemerkt, wie gut es tut, Menschen live zu sehen, mit denen man sonst oft nur in Calls, Miro-Boards oder LinkedIn-Kommentaren verbunden ist.
Ein weiterer Moment, der für mich sehr schön gezeigt hat, was die German UPA ausmacht, war die kurze Vorstellung am Samstag unseres gemeinsamen Buchprojekts durch Tim-Can Werning. Viele Menschen aus den Arbeitskreisen haben über Monate hinweg daran mitgeschrieben, diskutiert, ergänzt und ihr Wissen eingebracht. Im Raum war richtig spürbar, wie stolz viele auf dieses Projekt sind – und wie groß die Vorfreude ist, die erste Ausgabe bald in den Händen zu halten.

Das klingt vielleicht banal, ist es aber nicht. Gerade in der UX-Community sprechen wir viel über Austausch, Kollaboration und psychologische Sicherheit. Aber echte Verbindung entsteht selten in perfekt formulierten Statements. Sie entsteht bei Pizza, zwischen zwei Sessions, in gemeinsamen Buchprojekten oder in diesen kleinen Gesprächen, bei denen man merkt: Ah, du kämpfst mit ähnlichen Themen wie ich.
Für mich ist genau das die Stärke der German UPA: Community entsteht nicht nur auf Events. Sie entsteht auch in der kontinuierlichen Arbeit dazwischen – in Arbeitskreisen, Veröffentlichungen, Diskussionen und ehrenamtlichem Engagement.
KI war überall – und die Überforderung auch
Wenn ich ein Thema benennen müsste, das über dem Wochenende lag, dann wäre es ganz klar: KI. Nicht nur als Tool-Thema. Nicht nur als „Welche Prompts nutzt du?“ oder „Welche Workflows funktionieren bei euch?“. Sondern viel grundsätzlicher. Ich hatte den Eindruck, dass man die KI-Überforderung deutlich gespürt hat.
Da war auf der einen Seite eine starke Hands-on-Mentalität: Ausprobieren, machen, testen, Tools nutzen und effizienter werden. Und auf der anderen Seite der Wunsch nach einem wissenschaftlichen, fundierten Zugang: Standards, Normen, Qualifizierung, klare Begriffe, klare Verantwortung. Ich glaube, beides hat seine Berechtigung.
Aber ich merke auch: Eine Qualifizierung oder eine Norm gibt mir noch lange keine echte Sicherheit. Sie kann eine gute Grundlage sein, ja. Aber sie löst nicht automatisch die Probleme, die in Organisationen entstehen, wenn Kommunikation fehlt, Rollen unklar sind oder Veränderungsprozesse viel zu groß gedacht werden.
Und ganz ehrlich: Diese immer wieder neuen Definitionen von UX machen einen irgendwann fertig. Natürlich brauchen wir Begriffe. Natürlich brauchen wir gemeinsame Standards. Aber in meiner täglichen Arbeit kommt der ISO-Standard oft viel zu kurz – nicht, weil ich ihn nicht wichtig finde, sondern weil viele Unternehmen gar nicht mit dieser Norm arbeiten, so meine Erfahrung. Viele Designer kennen sie kaum. Die Zugänglichkeit ist eine Hürde. Und wenn ich aus einem laufenden Change-Prozess heraus mit einer Norm argumentiere, löst das selten das eigentliche Problem. Denn Projekte scheitern meiner Erfahrung nach meistens nicht an fehlenden Methoden, fehlendem Einsatz oder fehlender Qualifikation. Sie scheitern an fehlender Kommunikation.
Zurück in den Sandkasten – aber bitte nicht naiv
Die Keynote von Catharina Stamm war sicher einer der prägendsten Programmpunkte. Ihr Thema: „Zurück in den Sandkasten“ – warum KI psychologische Sicherheit braucht, um zu funktionieren. Die Metapher ist stark, auch wenn sie hitzig auf dem Festival diskutiert wurde.
Sandkasten bedeutet: Ausprobieren, bauen, zerstören, neu anfangen. Ohne Perfektionsdruck. Ohne Angst, dass der erste Versuch schon bewertet wird. Ohne das Gefühl, dass jede Idee sofort skalierbar, effizient oder präsentationsreif sein muss. Und ja, genau diese Haltung fehlt vielen Teams im Umgang mit KI. Statt Neugier erleben viele gerade Zeitdruck, FOMO und die Angst, ersetzt zu werden. Viele Designer fragen sich: Muss ich jetzt jedes Tool kennen? Muss ich schneller werden? Wird mein Wert kleiner, wenn ein Modell in Sekunden etwas erzeugt, wofür ich früher Stunden gebraucht habe? Das ist keine reine Skill-Frage. Das ist eine Identitätsfrage.
Wer bin ich als Designerin, wenn meine kreative Fähigkeit allein nicht mehr mein Alleinstellungsmerkmal ist? Was ist meine Arbeit wert, wenn Outputs plötzlich automatisiert entstehen können? Und worin liegt dann mein eigentlicher Beitrag?
Auf Social Media sehen wir oft nur die glänzende Seite: Neue Tools, neue Workflows, neue Effizienzversprechen. Aber weniger Zweifel, Müdigkeit, Orientierungslosigkeit. Weniger die Frage, was diese Entwicklung mit uns als Menschen macht.
Psychologische Sicherheit klingt in diesem Kontext sehr richtig. Aber sie darf nicht zur schönen Überschrift werden.

Psychologische Sicherheit zeigt sich nicht daran, dass alle sagen dürfen, wie neugierig sie auf KI sind. Sie zeigt sich daran, ob auch Zweifel, Kritik und Überforderung ausgesprochen werden dürfen – ohne direkt als Bremse, Skepsis oder mangelnde Zukunftsfähigkeit gelesen zu werden.
Denn die eigentliche Frage ist: Wie schaffen wir Räume, in denen Menschen wirklich sagen dürfen, dass sie unsicher sind? Dass sie etwas kritisch sehen? Dass sie nicht begeistert auf jedes neue Tool springen?
Was UX vom Feminismus lernen kann
Eine Session, die mir besonders hängen geblieben ist, war „Was UX vom Feminismus lernen kann“ von Tara.

Ich mochte das Storytelling sehr. Es gab Momente, in denen ich schmunzeln musste – und gleichzeitig dachte: Ja, genau das ist der Punkt. Durchhaltevermögen. Andere Meinungen aushalten. Kritisches Feedback ernst nehmen. Machtverhältnisse sichtbar machen. Diversität nicht nur als Buzzword verstehen, sondern als echte Bereitschaft, Perspektiven zuzulassen, die unbequem sein können. Eigentlich wissen wir das alles. Und trotzdem fällt es uns immer wieder schwer.
Warum sitzen oft die falschen Entscheider in den falschen Positionen? Warum bekommen UX-Professionals nicht das Vertrauen, das sie brauchen? Warum müssen wir unsere Arbeit immer wieder erklären, rechtfertigen und nebenbei machen? Warum wird kritisches Nachfragen so schnell als Störung wahrgenommen? Fragen die ich immer wieder höre.
Das sind für mich keine Randfragen. Das sind zentrale UX-Fragen. Denn User Experience entsteht nicht nur im Interface. Sie entsteht in Organisationen. In Meetings. In Entscheidungen. In Machtstrukturen. In der Frage, wer gehört wird – und wer nicht.
Wenn ich komisch angeschaut werde, weil ich eine kritische Frage stelle, dann ist das kein individuelles Kommunikationsproblem. Dann sagt das etwas ĂĽber die Kultur aus.
Und genau da schlieĂźt sich der Kreis zur psychologischen Sicherheit.
Barcamp-Ambivalenz: Sichtbarkeit ohne klassischen Pitch
Natürlich können wir als Arbeitskreis UX Strategie auf unsere Arbeit aufmerksam machen. Und das ist wichtig. Aber tiefgehender Austausch braucht Zeit. 45 Minuten reichen oft nicht, um wirklich in die Substanz zu kommen. Man kratzt an der Oberfläche, formuliert gute Fragen – und dann ist die Session vorbei.
Ich selbst hatte mich beim UX Festival bewusst gegen einen klassischen Pitch entschieden – und das auch vorab auf LinkedIn transparent gemacht. Unter dem Motto „Part of the Experience: Sichtbarkeit ohne klassischen Pitch“ wollte ich ausprobieren, was passiert, wenn ich nicht wieder in ein Format gehe, das für mich selbst Teil der Barriere ist.

Gerade beim Thema Neurodiversität fühlt es sich für mich nicht stimmig an, Sichtbarkeit über ein Format herstellen zu müssen, das für viele neurodivergente Menschen viel Energie kostet oder sogar ausschließend wirkt. Deshalb habe ich Menschen eingeladen, mich direkt anzusprechen oder mir zu schreiben, wenn sie sich zu Neurodiversität, Masking, Barcamp-Formaten oder inklusiven UX-Events austauschen möchten.
Und genau das ist passiert: Ich hatte viele echte Gespräche mit Menschen, die wirklich an meinem Thema interessiert waren. Aus einigen sind im Nachhinein tiefere Austauschformate entstanden – und für mich war das wertvoller als eine schnelle Session.
Auch das ist UX: Nicht nur über Barrieren zu sprechen, sondern Formate so zu hinterfragen, dass mehr Menschen wirklich Teil der Experience werden können.
Mein Sonntag: UX-Strategie in der Praxis
Am Sonntag hatten wir als Arbeitskreis UX Strategie gleich zwei Sessions im Gepäck.
Zum einen stellte Rolf Morlich, der seit Kurzem Teil unseres Arbeitskreises ist, die Strategie-Challenge vor, die der AK in den vergangenen Wochen durchgefĂĽhrt hat.Â

Zum anderen ging es um unseren Industriereport inklusive Mini-Workshop, der im AK entstanden ist. Der Industriereport soll sichtbar machen, wo UX-Strategie in der Praxis aktuell steht: Welche Barrieren erleben UX-Professionals? Welche Muster tauchen immer wieder auf? Und welche Lösungsansätze gibt es bereits, die anderen helfen könnten?

Ich saß selbst in der Session von Julia und Ezgi und fand es spannend zu sehen, welche Perspektiven und Erfahrungen im Raum zusammenkamen. Gerade deshalb freue ich mich darauf, mit den Ergebnissen in den nächsten Wochen weiterzuarbeiten und sie in unsere weitere Arbeit im Arbeitskreis einfließen zu lassen.
Den restlichen Sonntag habe ich bewusst genutzt, um viele tiefe Gespräche mit bekannten Gesichtern zu führen. Und wenn ich ehrlich bin: Genau diese Gespräche waren für mich der wertvollste Teil des Festivals. Nicht, weil die Sessions unwichtig waren, im Gegenteil, weil ich immer Angst habe, etwas zu verpassen. Sondern weil persönliche Gespräche oft ehrlicher sind. Weniger performativ. Weniger auf die perfekte Aussage bedacht. Näher dran an dem, was Menschen wirklich beschäftigt.
KI und UX-Strategie: Näher beieinander, als es scheint
Vielleicht haben KI und UX-Strategie auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Für mich hängen sie aber enger zusammen, als es zunächst wirkt. Beide Themen zeigen, wie sehr gute UX-Arbeit von Organisationskultur abhängt.
Es reicht nicht, Methoden, Tools oder Standards zu kennen. Entscheidend ist, ob Teams den Raum, das Mandat und die Sprache haben, dieses Wissen wirksam zu machen.
Bei KI sehen wir gerade sehr deutlich, wie schnell neue Möglichkeiten entstehen – und wie langsam Organisationen manchmal darin sind, verantwortungsvolle Rahmenbedingungen zu schaffen. Bei UX-Strategie ist es ähnlich: Wir Gestalter:innen wissen oft, was wichtig wäre. Wir kennen viele Barrieren. Wir haben Erfahrungswissen in der Community. Aber die eigentliche Herausforderung liegt darin, dieses Wissen in Organisationen anschlussfähig zu machen. Und genau dort beginnt die Strategie-Realität.
UX-Strategie: Bekannt heißt nicht gelöst
Eine Sache ist mir in der Session zum Industriereport inklusive Mini-Workshop aus unserem Arbeitskreis UX Strategie von Ezgi und Julia besonders aufgefallen: Viele kannten unser wissenschaftliches Paper zur UX-Strategie noch gar nicht. Dabei wurde genau diese Arbeit von Julia Messerschmidt und Björn Rohles 2025 auf der Mensch und Computer vorgestellt und ausgezeichnet. Das Paper „Anchoring Human-Centeredness in Organizations: A Study on the Current State of UX Vision and UX Strategy“ untersucht den aktuellen Stand von UX-Visionen und UX-Strategien in der deutschsprachigen UX-Praxis.
Besonders spannend finde ich: Die Studie zeigt, dass UX-Strategie zwar an Bedeutung gewinnt, aber noch lange nicht überall selbstverständlich verankert ist. Typische Barrieren sind unter anderem fehlendes Management-Buy-in, zu wenig Zeit für strategische Arbeit, unklare Nutzenargumentation und eine schwache Anbindung an strategische Entscheidungen. Und genau das hat für mich gut zur Diskussion auf dem UX Festival gepasst. Denn ja, viele Barrieren in der UX-Strategiearbeit sind bekannt. Fehlende Verbindung zu Business-Zielen. Zu wenig Ressourcen. Zu wenig Budget. Strategiearbeit, die im Tagesgeschäft immer wieder untergeht. Unklare Verantwortlichkeiten. Fehlende Messbarkeit. Aber bekannt heißt für mich nicht automatisch gelöst.
Das deckt sich auch mit einer eigenen Umfrage, die ich Anfang 2025 in meinem Netzwerk durchgeführt habe. 37 UX- und Produkt-Professionals aus Agenturen, Corporates und Startups haben darin ihre Erfahrungen geteilt. Wichtig war mir dabei: Es ging nicht um eine repräsentative Studie, sondern um ein ehrliches, praxisnahes Stimmungsbild.
Auch dort wurde sichtbar: UX-Strategie ist für viele ein relevantes Thema, aber in der Umsetzung oft noch diffus. Fast zwei Drittel der Unternehmen hatten keine klar dokumentierte UX-Strategie. Gleichzeitig zeigte sich, dass nur wenige UX-Erfolg systematisch messen. Zwischen dem Wunsch nach Wirkung und konkreter Erfolgsmessung klafft also häufig noch eine Lücke.
Für mich ergänzt diese Umfrage das wissenschaftliche Paper sehr gut. Das Paper zeigt strukturiert, wo UX-Vision und UX-Strategie in der deutschsprachigen Praxis stehen. Meine Umfrage zeigt aus meinem Netzwerk heraus, wie sich diese Herausforderungen im Alltag anfühlen: UX-Strategie wird oft gewollt, aber nicht konsequent verankert. Sie wird diskutiert, aber nicht immer dokumentiert. Sie wird als wichtig empfunden, aber selten systematisch gemessen.
Ulf hat in seinem Recap zum UX Festival geschrieben: „Die Barrieren sind bekannt – und längst gelöst.“ Ich verstehe, was er damit meint: Es gibt Organisationen, in denen UX-Manager genau diese Klippen bereits erfolgreich umschifft haben. Es gibt Best Practices, Mentoring-Erfahrung, Strategieprozesse, Monitoring-Ansätze und Beispiele, von denen andere lernen können. Und ich stimme ihm zu: Wir müssen das Rad nicht jedes Mal neu erfinden.
Vielleicht liegt die eigentliche Spannung genau zwischen diesen beiden Perspektiven: Ja, es gibt Erfahrungswissen und Best Practices. Aber nein, daraus entsteht noch nicht automatisch Veränderung in einer konkreten Organisation.
Eine Best Practice ist noch keine Veränderung. Sie muss anschlussfähig werden. Sie braucht Sprache, Timing, Beziehungen, Vertrauen, Mandate, Ressourcen und manchmal auch schlicht den richtigen Moment. Wenn ein Unternehmen keine klare Strategie hat, UX nicht strukturell verankert ist oder strategische Arbeit immer wieder vom Tagesgeschäft überrollt wird, dann reicht es nicht, auf vorhandene Lösungen zu verweisen. Dann müssen wir verstehen, warum diese Lösungen nicht greifen.
Genau aus diesem Grund haben wir im Arbeitskreis UX Strategie vor einigen Monaten unsere Strategie-Challenge ins Leben gerufen. Wir wollten nicht nur über Barrieren sprechen, sondern Experten aus der Praxis einladen, ihr Wissen sichtbar zu machen und konkrete Lösungsansätze einzureichen. Menschen, die sagen: „Ich habe damit Erfahrung. Ich weiß, wie man damit umgehen kann.“ Ich habe mich selbst übrigens auch beteiligt, weil ich genau diesen Transfer aus der eigenen Praxis wichtig finde.
Trotz Werbung gab es am Ende nur zehn Einreichungen. Das ist auf der einen Seite weniger, als man sich vielleicht wünschen würde. Auf der anderen Seite: immerhin. Denn diese Einreichungen sind keine abstrakten Meinungen, sondern konkrete Beiträge von Menschen, die sich mit UX-Strategie beschäftigen und bereit waren, ihr Wissen zu teilen. Und genau diese zehn Einreichungen bilden nun die Grundlage für unsere weitere Arbeit im Arbeitskreis. Danke nochmal an Rolf für die Initiative und die Jury!

Für mich zeigt das sehr schön die eigentliche Herausforderung: Wir haben Wissen in der Community. Wir haben Erfahrungen. Wir haben Menschen, die etwas beitragen können. Aber dieses Wissen ist oft verteilt, implizit, kontextabhängig und nicht immer leicht zugänglich. Genau deshalb braucht es Formate, die dieses Erfahrungswissen sammeln, strukturieren und für andere nutzbar machen.
Vielleicht ist das auch mein größter Wunsch an die weitere Diskussion: Weniger „Das ist doch längst gelöst“ und mehr „Unter welchen Bedingungen funktioniert es wirklich?“
Denn genau dort wird UX-Strategie spannend.
„Ich habe die KI gefragt“ reicht mir nicht
Was mir nicht gefallen hat, waren Antworten wie: „Ich habe die KI gefragt.“
Nicht, weil ich gegen KI bin. Wirklich nicht.
Aber manchmal fühlt sich diese KI-Zeit für mich sehr individualisiert an: Alle optimieren ihre eigenen Workflows, testen Tools, bauen Automatisierungen – aber der gemeinsame kritische Diskurs bleibt oft zu kurz.
Ja, wir müssen experimentieren. Aber wir müssen nicht jeden Mist in Sprachmodelle eingeben. Wir sind doch Spezialisten. Wir haben Erfahrung. Wir können Kontext einordnen. Wir können Verantwortung übernehmen. Wir können reflektieren, wann ein Tool hilft – und wann es nur die Illusion von Klarheit erzeugt.
KI kann unterstĂĽtzen. Aber sie ersetzt nicht das Denken. Und sie ersetzt auch nicht den ehrlichen Austausch miteinander.
Vielleicht brauchen wir gerade deshalb mehr Gespräche, die nicht sofort in Lösungen springen. Gespräche, in denen es kein Schwarz und Weiß gibt. Gespräche, die Widersprüche aushalten. Denn genau da beginnt für mich professionelle UX-Arbeit.
Was bleibt?
Ich nehme aus Erfurt ein gemischtes, aber sehr wertvolles GefĂĽhl mit.
Barcamps bleiben nicht mein Lieblingsformat. 45 Minuten sind oft zu kurz. Viele Diskussionen bleiben mir zu abstrakt. Und ja, ich wünsche mir manchmal mehr Tiefe, mehr reale Fälle, mehr Fuck-ups, mehr Ehrlichkeit.
Aber ich nehme auch mit: Die UX-Community ist lebendig. Sie ringt. Sie fragt. Sie ist verunsichert, neugierig, kritisch, manchmal überfordert – und genau deshalb spannend.
Das UX Festival hat fĂĽr mich sehr deutlich gezeigt, wo wir gerade stehen.
KI ist nicht einfach ein neues Tool-Thema. KI berührt unser Selbstverständnis als Designer. Sie stellt Fragen an unsere Rollen, unsere Verantwortung, unsere Arbeitskultur. Sie macht sichtbar, wo Teams wirklich sicher sind – und wo sie nur so tun.
UX-Strategie ist ebenfalls kein Thema, das sich mit einer Best Practice abhaken lässt. Ja, wir haben Wissen. Ja, wir haben Erfahrungswerte. Ja, es gibt Menschen, die bestimmte Barrieren bereits erfolgreich bearbeitet haben. Aber die eigentliche Arbeit liegt darin, dieses Wissen in reale Organisationen zu übersetzen – mit all ihren politischen, kulturellen und kommunikativen Spannungen.
‍
Vielleicht ist das mein größtes Learning aus Erfurt:
‍Wir brauchen weniger Angst davor, nicht sofort Antworten zu haben. Und mehr Räume, in denen wir ehrlich miteinander denken können.
Nicht jede Frage muss sofort in einen Prompt.
Manche Fragen brauchen Menschen. Gespräche. Widerspruch. Vertrauen. Zeit.
Und vielleicht auch ein bisschen Sandkasten.
Aber bitte nicht als romantische Spielwiese.
Sondern als Raum, in dem wir wieder lernen, ehrlich, mutig und verantwortlich zu gestalten.
‍
Zum Schluss möchte ich mich auch bei DATEV bedanken, dass wir das UX Festival als Sponsor unterstützen durften – und dass so viele von uns vor Ort dabei sein konnten. Für mich ist es wertvoll, wenn Unternehmen nicht nur über UX, Community und Austausch sprechen, sondern solche Räume auch aktiv möglich machen.

‍

