German UPA Arbeitskreis UX-Strategie – Jahresbericht 2025

Zwischen Anspruch, Community-Arbeit und KI
Ein Erfahrungsbericht ĂĽber Verantwortung, Ehrenamt und strategisches Lernen
Heute Abend findet unser letzter digitaler Arbeitscall des Jahres statt. Ich freue mich sehr, das Jahr gemeinsam abzuschließen – und besonders darüber, dass sich viele aus dem Team dafür noch einmal bewusst Zeit nehmen. Ehrenamtliche Arbeit ist nie selbstverständlich, und genau das macht diesen Moment für mich besonders wertvoll.

Als ich im Frühjahr 2025 gemeinsam mit Ezgi Ucar die Co-Leitung des Arbeitskreises UX-Strategie der German UPA von Björn Rohles übernommen habe, war mir eines schnell klar: Diese Rolle würde keine rein organisatorische sein. UX-Strategie ist kein klar umrissenes Themenfeld. Sie bewegt sich in einem Spannungsraum – zwischen Vision und Alltag, Anspruch und Realität, individueller Haltung und organisationalen Rahmenbedingungen. Genau dieser Spannungsraum prägt auch die Arbeit unseres Arbeitskreises.
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Strategische Arbeit beginnt mit Klarheit
Eine zentrale Erkenntnis aus dem Jahr 2025 lautet: Strategische UX-Arbeit beginnt nicht mit Frameworks oder Methoden, sondern mit Klarheit. Diese Klarheit fehlt nicht nur in vielen Organisationen, sondern manchmal auch in der Community selbst. Die Herausforderungen sind oft ĂĽberraschend pragmatisch:
- Wann haben wir Zeit?
- Wie viel Engagement ist im Ehrenamt realistisch?
- Welche Erwartungen bringen Einzelne mit?
- Wie unterschiedlich sind Arbeitsweisen und BedĂĽrfnisse?
Der Arbeitskreis lebt davon, dass sich Menschen neben ihrem eigentlichen Job einbringen. Das erfordert ein anderes Führungsverständnis: weniger Durchsetzung, mehr Ermöglichung, weniger Kontrolle, mehr Vertrauen – aber auch Struktur, Vorbereitung und Orientierung.
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Einstieg und Führungsverständnis im Arbeitskreis
Ich bin im Februar 2024 in die German UPA eingetreten und habe mich kurz darauf für den Arbeitskreis UX-Strategie entschieden. Der Einstieg war anspruchsvoll: laufende Themen, bestehende Dynamiken, viel implizites Wissen. Gerade dieses „Reinkommen“ hat meinen Blick auf ehrenamtliche Arbeit geprägt. Als ich 2025 die Co-Leitung übernommen habe, war mir daher besonders wichtig, Einstiegshürden zu senken und Verantwortung bewusst zu teilen.
Unser gemeinsames Führungsverständnis im Arbeitskreis: Nicht die Leitung treibt die Themen – das Team entscheidet und trägt sie gemeinsam. Die Rolle der Leitung liegt darin, Orientierung zu geben, Strukturen zu schaffen und Rahmenbedingungen zu setzen.
Schnell wurde deutlich, dass ein monatlicher Call allein nicht ausreicht. Ezgi und ich treffen uns zwei Wochen vor den Calls zur inhaltlichen Abstimmung. Die Themen entwickeln sich zwischen den Terminen weiter, kleinere Gruppen arbeiten eigenständig, Inhalte werden iterativ ausgearbeitet. Aus dieser Arbeitsweise heraus entstand unter anderem unser Workshop für die Mensch und Computer 2025.

UX-Strategie zwischen Forschung und Praxis
Wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung ist, zeigen auch aktuelle Forschungsergebnisse. In der Mixed-Methods-Studie Anchoring Human-Centeredness in Organizations untersuchten Björn Rohles und Julia Messerschmidt aus unserem Arbeitskreis den Status quo von UX-Visionen und UX-Strategien in Organisationen.
Rund die Hälfte der befragten Organisationen verfügt über eine UX-Vision oder UX-Strategie – doch häufig fehlt der Weg in die Umsetzung. Verantwortlichkeiten, Messbarkeit und strukturelle Verankerung bleiben unklar.
Ihre wertvolle Arbeit haben sie auf der Mensch und Computer vorgestellt.
Der Link: DOI: 10.1145/3743049.3743058
Dieses Bild bestätigte sich auch in meiner persönlichen Lernreise Anfang des Jahres sowie in ergänzenden Erhebungen in meinem Netzwerk. Eine Umfrage unter 37 UX-Professionals zeigte ebenfalls: Solange UX-Strategie abstrakt bleibt, bleibt sie folgenlos.
Der Link zum Artikel: Hier geht’s zur vollständigen Auswertung
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KI als bewusster Experimentierraum
KI ist in aller Munde – entsprechend beschäftigte sich der Arbeitskreis 2025 intensiv mit dem Einsatz generativer KI als Lern- und Reflexionshilfe. Ausgangspunkt war die UX-Strategie-Checkliste, die erstmals auf dem UX-Festival 2024 vorgestellt wurde und unzählige Iterationen mit Chat GPT.Â
Im Frühjahr entstand daraus ein UX-Strategie-Coach: nicht als Wissensquelle, sondern als Sparringspartner gedacht. Wir entwickelten dafür ein Custom GPT. Mit der Veröffentlichung des ChatGPT Study Mode im Juli 2025 stellte sich jedoch eine strategische Grundsatzfrage: Am eigenen Setup festhalten – oder das Vorgehen an ein neues Feature anpassen, das unseren Custom GPT faktisch überflüssig machte?
Der Arbeitskreis entschied sich bewusst für eine Neuausrichtung. Nicht, weil der bisherige Ansatz falsch war, sondern weil sich die Rahmenbedingungen verändert hatten. Diese Entscheidung spiegelt die Haltung des Arbeitskreises wider: Strategie bedeutet, Wege kontinuierlich zu überprüfen und bei Bedarf zu korrigieren.
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Mensch und Computer 2025 – ein Realitätscheck
Auf der Mensch und Computer 2025 in Chemnitz wurde der UX-Strategie-Coach in einem interaktiven Workshop mit 13 Teilnehmenden erprobt. Die Gruppen reflektierten zentrale Themenfelder wie Vision, Wertschöpfung, Stakeholder:innen, Prozesse und persönliche Rolle. Die KI unterstützte durch strukturierte Fragen und machte Denkmuster sichtbar – nicht als Autorität, sondern als Reflexionspartner.

Zentrale Beobachtungen
- Strukturierte Fragen erleichterten strategisches Denken
- Diskussionen wurden angestoĂźen und vertieft
Zentrale Herausforderungen
- Fehlende Quellen minderten Vertrauen
- Antworten blieben teilweise generisch
- Datenschutz bleibt ein zentrales Thema
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Der Workshop diente dem Arbeitskreis als wichtiger Praxistest und Realitätscheck.
Der Link zum Paper: https://dl.gi.de/items/28fd6a30-b784-432b-80c5-d1752a980256
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Gemeinsame Ausrichtung und Weiterentwicklung
Ein weiterer Meilenstein war der interne Strategie-Workshop im November. Gemeinsam reflektierte der Arbeitskreis Zusammenarbeit, Fokus und Prioritäten – moderiert von Sade, an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön. Deutlich wurde dabei vor allem der Wunsch nach mehr Klarheit und gemeinsamer Ausrichtung, aber auch der große Mehrwert unterschiedlicher Perspektiven innerhalb des Arbeitskreises.

Parallel dazu arbeiten Ezgi, Björn und ich seit dem Sommer gemeinsam mit vielen weiteren Beteiligten aus der German UPA an einem Buchprojekt. Unser Kapitel zur UX-Strategie zielt darauf ab, die inhaltliche Arbeit des Arbeitskreises langfristig zu vertiefen und für die Community zugänglich zu machen. Die Veröffentlichung ist für das kommende Jahr geplant
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Fazit: UX-Strategie braucht Haltung – auch im Ehrenamt
Für den Arbeitskreis UX-Strategie war 2025 ein Jahr der Klärung und Positionierung. UX-Strategie wurde nicht als Ziel verstanden, das es zu erreichen gilt, sondern als fortlaufender Aushandlungsprozess – zwischen Anspruch und Realität, Forschung und Praxis, Mensch und Technologie.
Der Arbeitskreis versteht sich dabei als Raum für Reflexion, Austausch und gemeinsames Lernen. KI kann diesen Prozess unterstützen, indem sie Struktur gibt und Diskussionen anstößt. Sie ersetzt jedoch weder Kontext noch Erfahrung oder Verantwortung.
Mit diesen Erkenntnissen geht der Arbeitskreis in das Jahr 2026 – mit dem Anspruch, UX-Strategie weiterhin gemeinsam, reflektiert und verantwortungsvoll weiterzuentwickeln.
Danksagung
Ein besonderer Dank gilt Sebastian Gerhardt für die gemeinsame Workshop-Durchführung, Björn Rohles für seine Beteiligung sowie allen Teilnehmenden der Mensch und Computer 2025.
Danke an den gesamten Arbeitskreis UX-Strategie – Ezgi Ucar, Steffen Klein, Evelina Augustynska, Sebastian Jung – sowie an den Arbeitskreis KI, insbesondere Michael Ăśberschär, fĂĽr die UnterstĂĽtzung beim technischen Setup.Â
Für die Entwicklung der Checkliste danke an Annemarie Bich, Sebastian Gerhardt, Benno Loewenberg, Björn Rohles, Ezgi Ucar sowie allen weiteren Feedbackgeber:innen, unter anderem auf dem UX-Festival 2024 in Erfurt.
Danke an DATEV fĂĽr die UnterstĂĽtzung bei der Teilnahme an der Mensch und Computer.
Und ganz persönlich danke ich meiner Freundin, die mich bei all meinen ehrenamtlichen Aktivitäten (Mentoring, PsyCare Einsätzen, Lebensmittel retten und der UPA) unterstützt, Verständnis zeigt und mir den Rücken freihält, wenn Engagement Zeit, Energie und Fokus erfordert.
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