UXcamp Europe 2026: Wenn Sichtbarkeit zur Hürde wird

Ein Experiment zum Thema Neurodiversität, Pitching und Allyship

Ich habe auf dem UXcamp Europe 2026 zwei Sessions gehalten – aber ich habe sie nicht selbst gepitcht. Klingt verrückt? Klingt mutig? Für mich war es beides. Und genau deshalb wollte ich es ausprobieren. Denn der Pitch war für mich nicht irgendein organisatorischer Moment am Anfang eines Barcamp-Tages. Er war Teil des Experiments. Ein bewusster Versuch, sichtbar zu machen, dass Sichtbarkeit nicht für alle Menschen gleich einfach ist.
Meine beiden Sessions drehten sich um Neurodiversität, Fokus, Überforderung und strukturelle Bedingungen in Arbeitskontexten.

Die erste Session am Samstag hatte den Titel: „Wenn Sichtbarkeit zur Hürde wird“
Meine persönliche Reise zu ADHS, Hochsensibilität und der Frage, wie Barcamps inklusiver werden können.

Die zweite Session am Sonntag hatte den Titel: „Zwischen Fokus und Überforderung“
Einblicke in meine Forschung zu neurodivergenten Arbeitskontexten.

Gepitcht hat beide Sessions nicht ich, sondern Mariana – als Ally. Ich selbst habe anschließend die Vorträge gehalten. Warum? Weil genau dieser Pitch-Moment für mich eine persönliche Hürde ist – und weil ich aus vielen Gesprächen weiß, dass es anderen ähnlich geht. Nach unzähligen Meetups, Konferenzen, Barcamps und Events habe ich immer wieder erlebt: Viele Menschen, die etwas Wertvolles zu sagen haben, sind nicht automatisch diejenigen, die vorne stehen und laut für ihr Thema werben. Und umgekehrt kennen wir vermutlich alle auch die andere Situation: Ein Pitch klingt großartig, man geht voller Erwartung in die Session – und merkt dann, dass der eigentliche Talk oder die Diskussion nicht hält, was der Pitch versprochen hat.

Genau deshalb wollte ich diesen Moment hinterfragen. Was passiert, wenn nicht die Person pitcht, die später spricht? Was sagt das über Sichtbarkeit, Erwartung und Teilhabe aus?
Und wie können wir Formate schaffen, in denen nicht nur die Lautesten oder Spontansten sichtbar werden?


Pitchen ohne selbst zu pitchen

Barcamps leben davon, dass Menschen selbst Themen einbringen. Das ist großartig – und gleichzeitig anspruchsvoll. Wer schon einmal auf einem Barcamp war, kennt diesen Moment: Alle sitzen im Raum, das Sessionboard ist noch leer, Menschen gehen nach vorne, pitchen ihre Idee, hoffen auf Interesse, bekommen einen Raum und Zeit. Für viele ist das aufregend. Für manche ist es eine kleine Mutprobe. Für andere kann es eine echte Barriere sein. Ich wollte genau diese Barriere sichtbar machen.

Mariana hat meine Sessions gepitcht. Ich stand nicht vorne. Ich hörte zu. Und ich merkte, wie viel Druck allein dadurch von mir abfiel. Das Interessante war: Einigen fiel es gar nicht auf. Ein Kommentar war sinngemäß: „Vielleicht hast du einfach den Zug verpasst und konntest deshalb nicht pitchen.“ Andere fanden es mutig und sagten, es zeige einen anderen Weg auf – und genau das fand ich schön. Denn diese Reaktionen zeigen: Manchmal fällt Barrierefreiheit gar nicht auf, wenn sie gut funktioniert. Und manchmal wird sie erst sichtbar, wenn man darüber spricht.

Mein persönliches Learning war klar: Der Pitch ist für mich die Hürde. Der Vortrag ist es nicht. Im Gegenteil. Während der Sessions hatte ich Freude daran, meine Geschichte zu teilen, meine Erkenntnisse vorzustellen und mit der Gruppe aktiv zu arbeiten. Es fühlte sich lebendig an. Verbunden. Sinnvoll.

Vielleicht würde ich es beim nächsten Mal anders machen. Vielleicht würde ich selbst pitchen, um den Unterschied bewusst zu erleben. Vielleicht würde ich noch deutlicher erklären, dass das Nicht-Pitchen selbst Teil des Experiments war. Aber genau darum geht es ja bei solchen Event: Ausprobieren, reflektieren und lernen.

Mein Thema: Neurodiversität als strukturelle Frage

In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit neurodivergenten Arbeitskontexten beschäftigt. Ausgangspunkt war meine Forschungsfrage: Wie entstehen Leistungsunterschiede in neurodivergenten Arbeitskontexten, und welche strukturellen Bedingungen beeinflussen sie?

Dabei geht es mir nicht darum, neurodivergente Menschen als „weniger leistungsfähig“ zu betrachten. Im Gegenteil. Mich interessiert, unter welchen Bedingungen Leistung sichtbar wird. Wann Menschen aufblühen. Wann sie blockieren. Wann Fokus möglich ist. Und wann Strukturen so viel Energie kosten, dass Potenzial gar nicht erst zur Wirkung kommt.
Im Januar habe ich zehn Interviews mit DATEV Kolleg:innen geführt. Daraus sind Insights, ein Framework und zwei Funktionsprofile entstanden. Für mich war das ein wichtiger Schritt, weil es das Thema aus dem rein Persönlichen heraushebt.
Natürlich beginnt vieles mit persönlichen Erfahrungen. Aber irgendwann wird klar: Es geht nicht nur um individuelle Strategien. Es geht um Strukturen.

Um Meetingkulturen.
Um Kommunikationsformen.
Um unausgesprochene Erwartungen.
Um Reizumgebungen.
Um Kontextwechsel.
Um Sichtbarkeit.
Um die Frage, wer unter welchen Bedingungen überhaupt zeigen kann, was in ihm oder ihr steckt.

Aus UX-Sicht finde ich das besonders spannend. Wir sprechen ständig über Nutzerbedürfnisse, Barrieren, Inklusion und Teilhabe. Aber wie oft wenden wir diesen Blick auf unsere eigenen Arbeits- und Eventformate an?
Wenn wir Interfaces barriereärmer gestalten wollen, warum gestalten wir dann nicht auch Pitches, Meetings, Workshops und Barcamps bewusster?


Meine zweite Session: Zwischen Fokus und Überforderung

Am Sonntag hielt ich meine zweite Session „Zwischen Fokus und Überforderung“.
Ich war kurz davor, den Pitch diesmal selbst zu machen. Am Ende blieb ich aber bei meinem Experiment und ließ wieder Mariana pitchen. Auch das war spannend. Denn ich merkte, wie sehr mich Situationen von außen manchmal unter Druck setzen, doch noch Dinge zu tun, obwohl ich mich bewusst für einen anderen Weg entschieden hatte.

Die Session selbst hat mir wieder Spaß gemacht. Das Feedback war positiv und hat mir Mut gemacht, am Thema dranzubleiben. Gleichzeitig wurde mir auch bewusst, dass Neurodiversität, Mental Health und strukturelle Arbeitsbedingungen noch längst nicht überall auf dem Schirm sind, gerade bei der älteren Generation.
Ich weiß aus Gesprächen, dass viele neurodivergente Personen Barcamps meiden, weil das Format für sie ein Horror sein kann: Viel Unplanbarkeit, viele Menschen, viele Reize, spontane Pitches, wechselnde Räume und ständige Entscheidungen. Und trotzdem wollte ich genau dort sichtbar werden. Nicht, weil es einfach ist. Sondern weil es wichtig ist.


Was ich für mich mitnehme

Das UXcamp Europe 2026 hat mir gezeigt, dass persönliche Themen Raum bekommen können. Dass Menschen positiv reagieren, wenn man etwas ausprobiert. Dass ein Ally eine Brücke bauen kann. Dass Sichtbarkeit nicht immer laut sein muss.
Und ich habe verstanden: Ich möchte an diesem Thema dranbleiben.
Neurodiversität ist kein Randthema. Mental Health ist kein Privatproblem. Und Barrierefreiheit beginnt nicht erst beim Interface. Sie beginnt in den Situationen, in denen Menschen entscheiden, ob sie sich zeigen können oder nicht.


Danke an alle, die Räume möglich machen

Bei all den Gedanken zu Neurodiversität, Sichtbarkeit und Teilhabe möchte ich eines nicht vergessen: Das UXcamp Europe selbst! Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es nicht selbstverständlich, ein solches Community-Format am Leben zu halten. Man hat gespürt, dass die Lage angespannt ist. Weniger sichtbare Sponsoren, viel Unsicherheit in der Branche, viele offene Fragen.

Und trotzdem war da dieses Camp. Dieser Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Sessions anbieten, Erfahrungen teilen, diskutieren, zweifeln, lachen und voneinander lernen.
Dafür bin ich sehr dankbar. An das gesamte UXcamp-Team, das jedes Jahr so viel Energie, Zeit und Herzblut investiert, um diesen Raum möglich zu machen. Danke Katrin und Holger!

Ein besonderer Dank geht an Mariana, meinen Ally, die meine Sessions gepitcht und mich in meinem Experiment unterstützt hat. Ohne sie hätte ich diesen Versuch wahrscheinlich nicht so umgesetzt. Sie hat mir gezeigt, wie wertvoll Allyship sein kann – nicht als laute Geste, sondern als konkrete Unterstützung im richtigen Moment.

Danke auch an meine UX-Lernreise-Gruppe, die mich in den letzten Monaten motiviert hat, mich neben meiner Arbeit so intensiv mit Neurodiversität, Leistungsunterschieden und strukturellen Bedingungen auseinanderzusetzen. Dieser Austausch hat mir geholfen, dranzubleiben, Gedanken zu sortieren und aus ersten Beobachtungen echte Forschungsfragen zu entwickeln.

Auch Claudia Lazai, Inklusionsbeauftragte bei DATEV, möchte ich erwähnen. Sie macht das Thema sichtbar und zeigt, wie wichtig es ist, Inklusion nicht als Randthema zu behandeln, sondern als festen Bestandteil guter Zusammenarbeit und moderner Organisationen.

Und natürlich danke ich den vielen Kolleg:innen, die sich die Zeit genommen haben, mit mir zu sprechen, ihre Erfahrungen zu teilen und damit meine Forschung überhaupt erst möglich gemacht haben. Ohne diese Offenheit gäbe es keine Insights, kein Framework, keine Funktionsprofile – und vermutlich auch nicht den Mut, dieses Thema auf dem UXcamp zu teilen. Für mich liegt in diesem Thema ein enormes Potenzial. Nicht nur für neurodivergente Menschen. Sondern für alle, die daran glauben, dass bessere Arbeitsbedingungen zu besserer Leistung, mehr Klarheit und menschlicheren Organisationen führen können.


Mein Fazit

Vielleicht war mein Experiment, nicht selbst zu pitchen, genau deshalb so passend für dieses Camp. Es ging nicht darum, mich zu verstecken. Es ging darum, sichtbar zu machen, dass Sichtbarkeit nicht für alle Menschen gleich einfach ist. Und es ging darum, einen anderen Weg aufzuzeigen.

Vielleicht beginnt gute UX genau dort:
Nicht beim Interface.
Nicht beim Tool.
Nicht beim perfekten Pitch.

Sondern bei der Frage, welche Bedingungen Menschen brauchen, um sichtbar, wirksam und gesund arbeiten zu können.

Franzi Detail

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