Buchreflexion: RICHTIG ANDERS – ANDERS RICHTIG

Richtig anders – anders richtig
Warum Neurodiversität keine Abweichung, sondern Realität ist
Eine Buchrezension zu Selbstbewusst neurodivergent von Kathrin Köller & Irmela Schautz
Neurodiversität ist kein neues Phänomen und kein Trendbegriff. Sie ist auch keine neue Diagnose. Neu ist vielmehr, dass wir anfangen, darüber zu sprechen – und zuzuhören.
Neurodiversität beschreibt etwas, das schon immer da war:
👉 Dass menschliche Gehirne unterschiedlich funktionieren – gleichwertig, aber nicht gleich.
Seit etwa einem Jahr begegnet mir das Thema überall: in Medien, Gesprächen, Arbeitskontexten. Gleichzeitig ist es das Herzstück meiner neuen Lernreise 2026. Warum mir dieses Thema so wichtig ist, werde ich in den kommenden Wochen hier auf dem Blog teilen.

Das Buch hat mir eine sehr gute Kollegin bei DATEV geschenkt, die mich mittlerweile gut kennt. Es hat mich sofort abgeholt – durch den Titel, die Gestaltung und vor allem durch seine Haltung.
Dieser Text ist kein klassischer Buchtipp. Er ist eine Sammlung von Gedanken, Aha-Momenten und Perspektiven, die bei mir geblieben sind.
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Eine Einladung, den Blick zu weiten
Richtig anders – anders richtig. Selbstbewusst neurodivergent ist für mich genau das: eine Einladung, den Blick zu weiten. Weg von Bewertungen, hin zu Verständnis. Weg von Defiziten, hin zu Vielfalt.
Das Buch eignet sich hervorragend als Einstieg für alle, die sich mit Neurodiversität beschäftigen möchten – ohne zu überfordern oder zu vereinfachen.
Diese Rezension ist keine reine Inhaltsangabe. Sie ist eine persönliche Einordnung dessen, was nach dem Lesen bei mir nachgehallt hat.
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Gleichberechtigt ist nicht gleich
Ein zentraler Gedanke der Neurodiversitätsbewegung zieht sich durch das gesamte Buch: Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichheit.
Viele neurodivergente Menschen leben mit unsichtbaren Behinderungen. Man sieht ihnen ihre Herausforderungen nicht an – und genau das führt häufig dazu, dass sie relativiert oder nicht ernst genommen werden.
„Ist doch alles ganz normal.“
Ja – und doch nein.
Vieles davon kennen wir alle. Aber nicht immer. Nicht in dieser Intensität. Nicht so dauerhaft. Der Unterschied liegt nicht darin, ob etwas vorkommt, sondern wie stark, wie häufig – und wie viel Energie es kostet, im Alltag mitzuhalten.
Neurodivergenz statt Defizit
ADHS wird häufig als „Störung“ bezeichnet. Diese Wortwahl ist nicht neutral – sie bewertet.
Tatsächlich funktionieren bestimmte Bereiche im Gehirn anders. Das bringt Herausforderungen mit sich – und besondere Fähigkeiten. Der Begriff Neurodivergenz bewertet nicht. Und genau das macht ihn so kraftvoll.
Er verschiebt den Fokus:
- weg von „Was stimmt nicht mit dir?“
- hin zu „Wie funktionierst du – und was brauchst du?“
Diese Haltung wird oft als neurodiversity-affirming bezeichnet: Neurologische Unterschiede werden als natürliche Variationen menschlicher Gehirne verstanden – nicht als etwas, das repariert werden muss. Die Perspektiven der Betroffenen selbst stehen im Mittelpunkt.
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Medizinische Einordnung ohne Reduktion: ICD & DSM
Gleich zu Beginn schafft das Buch eine wichtige Grundlage, indem es die medizinische Perspektive erklärt – ohne sich auf sie zu reduzieren.
Eingeordnet werden zwei Klassifikationssysteme:
- ICD (Internationale Klassifikation der Krankheiten, WHO)
→ In Deutschland das offizielle System für Diagnosen und Abrechnung, umfasst alle medizinischen Erkrankungen. - DSM (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen, APA)
→ Vor allem in Forschung und internationalen Kontexten genutzt, sehr detailliert in der Beschreibung psychischer Störungsbilder.
Diese Einordnung macht deutlich: Diagnosen sind wichtig – für Zugang zu Unterstützung, Therapie und rechtliche Absicherung. Aber sie erklären nicht vollständig, wie ein Mensch denkt, fühlt oder lebt.
Hier setzt die Neurodiversitätsperspektive an: Sie ergänzt die medizinische Sicht um eine menschliche, soziale und gesellschaftliche Dimension.
ADHS ist nicht gleich ADHS – die drei Typen
Hilfreich ist die differenzierte Darstellung von ADHS.
Das Buch unterscheidet drei Typen:
- Der hyperaktive Typ
Körperliche Unruhe, Impulsivität, nach außen sichtbar – und deshalb am häufigsten diagnostiziert. - Der unaufmerksame Typ
Schwierigkeiten mit Fokus und Aufmerksamkeit, wirkt nach außen oft ruhig oder verträumt. Die innere Unruhe bleibt unsichtbar – und wird deshalb häufig übersehen. - Der Mischtyp
Eine Kombination aus beiden Ausprägungen, oft mit wechselnden Phasen.
Diese Unterscheidung hilft zu verstehen, warum ADHS so oft missverstanden wird – und warum viele Menschen sich lange nicht wiederfinden.
Keine „Jungs-Sache“
Bis heute werden cis-männliche Kinder deutlich häufiger diagnostiziert als weibliche und non-binäre Personen. Das liegt weniger an biologischen Unterschieden als an alten Rollenbildern – und daran, dass lange vor allem der hyperaktive Typ im Fokus stand.
Viele weiblich sozialisierte Personen zeigen eher Merkmale des unaufmerksamen Typs:
- sozial angepasst
- gut im Kompensieren
- nicht „störend“
Die innere Überforderung bleibt unsichtbar. Deshalb erhalten viele Menschen ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter – häufig ausgelöst durch die Diagnose der eigenen Kinder.
Bei mir war es ein anderer Weg: geprägt von vielen Gesprächen bei Festival-Einsätzen, bei denen wir im Verein Menschen in psychischen Krisensituationen unterstützen. In diesem Umfeld begegnen sich viele neurodivergente Menschen, Psycholog:innen und Psychiater:innen ganz selbstverständlich. Man kommt an dem Thema nicht vorbei – und genau dort hat meine eigene Auseinandersetzung damit begonnen.
Autismus, ADHS und AuDHS
Auch Autismus wird im Buch konsequent als Spektrum beschrieben. Bei jeder autistischen Person ist dieses „Rad“ anders ausgeprägt – und man sieht es ihnen oft nicht an.
Viele Autist:innen haben:
- eine verstärkte Sinneswahrnehmung
- ein starkes BedĂĽrfnis nach Routinen und Vorhersehbarkeit
ADHS funktioniert oft gegensätzlich: liebt Veränderung, sucht Reize, hasst starre Regeln.Â
Manche Menschen leben mit beidem – AuDHS.
Das Buch bleibt dabei nicht theoretisch, sondern zeigt ganz konkrete Strategien im Umgang mit Reizüberflutung: von Noise-Cancelling-Kopfhörern über Sonnenbrillen bis hin zu Stimming-Toys oder Gewichtsdecken.
Stimmen aus dem Alltag
Was das Buch besonders lebendig macht, sind die Interviews und persönlichen Schilderungen neurodivergenter Menschen, die sich durch die Kapitel ziehen.
Es bleibt nicht bei Definitionen oder Modellen. Menschen beschreiben selbst, wie sich ihr Alltag anfĂĽhlt:
- in Gesprächen
- in der Schule
- im Job
- in Beziehungen
- im Umgang mit ReizĂĽberflutung
Besonders hängen geblieben ist bei mir ein Beispiel zur Kommunikation: Das Erzählen eigener, ähnlicher Erfahrungen wird von neurodivergenten Menschen oft als Ausdruck von Verbundenheit verstanden – während neurotypisch geprägte Gesprächspartner:innen dies manchmal als „Übernehmen des Gesprächs“ wahrnehmen.
Hier wird klar: Es geht nicht um fehlende Empathie, sondern um unterschiedliche soziale Logiken.
Richtig anders ist kein Makel
Neurodivergenz bedeutet nicht, dass etwas „falsch“ ist.
Sie bedeutet oft, dass Systeme zu eng gebaut sind.
Vielleicht ist es an der Zeit, weniger zu fragen:
„Warum bist du so?“
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Und öfter:
„Was brauchst du, um gut wirken zu können?“
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Denn anders zu sein war nie das Problem. Nicht verstanden zu werden schon.
Haltung, die sich auch gestalterisch zeigt
Was das Buch für mich zusätzlich besonders macht: Es liest sich sehr leicht, ohne oberflächlich zu sein.
Die Texte sind klar und verständlich, begleitet von wunderschönen Illustrationen. Man merkt auf jeder Seite, wie viel Liebe zum Detail darin steckt – nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell.
Die Illustrationen sind kein Beiwerk. Sie strukturieren, entlasten, schaffen Pausen fürs Auge und machen komplexe Themen zugänglich.
Vielleicht ist genau das auch ein stilles Statement des Buches selbst: Wenn wir über Neurodiversität sprechen, sollten wir Zugänglichkeit nicht nur fordern – sondern erlebbar machen.

Das Buch verweist auch auf bestehende Communitys, Pride-Tage und internationale Initiativen, die Sichtbarkeit schaffen und Austausch ermöglichen, zum Beispiel:
- Neurodiversity Celebration Week (März)
- ‍Neurodivergent Pride Day (12. Juni)
- ADHD Awareness Month (Oktober)
- World Mental Health Day (10. Oktober)
Auch politisch ist das Thema klar verankert – etwa in der UN-Behindertenrechtskonvention, die Selbstbestimmung, Teilhabe und Barrierefreiheit als grundlegende Rechte formuliert.
Fazit
Ein Buch, das einlädt – nicht überfordert.
Richtig anders – anders richtig ist ein Buch fĂĽr alle, die zuhören, verstehen und weiterdenken wollen. FĂĽr Menschen, die sich selbst darin wiederfinden. Und fĂĽr alle, die beginnen möchten zu begreifen, warum Vielfalt nicht das Problem ist – sondern fehlende Passung. Eine absolute Empfehlung!Â
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