Die Leistung ist sichtbar. Die Barriere nicht.

Warum eine gute Präsentation nichts darüber sagt, wie viel Kraft sie gekostet hat – und weshalb Inklusion nicht erst beim Scheitern beginnen darf.


Seit vielen Jahren bekomme ich nach Vorträgen, Präsentationen oder Schulungen immer wieder ähnliche Rückmeldungen:

„Du hast doch richtig gut präsentiert.“ Oder: „Du wirkst dabei so souverän.“

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Vor Kurzem hat eine ähnliche Situation wieder etwas in mir ausgelöst. Nach einer Präsentation sagte jemand zu mir:

„Du hast super präsentiert und auch inhaltlich war die Präsentation sehr gut."

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DarĂĽber habe ich mich gefreut. Gleichzeitig erinnerte mich diese RĂĽckmeldung an ein Muster, das mich schon seit vielen Jahren begleitet.

Denn neben solchen positiven Worten begegnet mir immer wieder – manchmal ausgesprochen, manchmal eher zwischen den Zeilen – derselbe Rückschluss:

Wenn du es so gut gemacht hast, kann es fĂĽr dich doch gar nicht schwierig gewesen sein.
Wenn man dir die Anstrengung nicht ansieht, kann die HĂĽrde nicht besonders groĂź sein.
Wenn du souverän wirkst, kannst du doch kein echtes Problem damit haben.

Genau dieser Widerspruch beschäftigt mich: Eine gute Leistung kann sichtbar sein, während die Anstrengung dahinter unsichtbar bleibt.

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Was andere sehen – und was sie nicht sehen

Eine gute Präsentation zeigt zunächst nur eines: dass ich in diesem Moment eine gute Präsentation gehalten habe. Sie zeigt nicht, wie es mir in den Tagen davor ging, wie intensiv ich mich vorbereitet habe oder wie viele mögliche Situationen ich im Kopf durchgespielt habe. Sie zeigt nicht, wie viel Konzentration es mich kostet, währenddessen präsent zu bleiben. Und sie zeigt auch nicht, wie erschöpft ich möglicherweise danach bin.

Ich kann gut präsentieren und trotzdem eine große Hürde dabei erleben. Ich kann souverän wirken und gleichzeitig stark angespannt sein. Ich kann mich freiwillig auf eine Bühne stellen und dennoch sehr viel Energie dafür benötigen.

Ich kann gelernt haben, mit einer Herausforderung umzugehen, ohne dass die Herausforderung dadurch verschwunden ist. Diese Dinge schließen sich nicht gegenseitig aus. Die Leistung ist sichtbar. Die Barriere bleibt häufig unsichtbar.

Besonders wichtig ist die Änderung von „eine ähnliche Situation“ zu „eine solche Rückmeldung“. Dadurch wirkt es nicht mehr so, als hätte die Person den später beschriebenen Rückschluss tatsächlich ausgesprochen.

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Ich habe gelernt, meine Anstrengung unsichtbar zu machen

Über viele Jahre habe ich es perfektioniert, mich anzupassen. Ich bereite mich intensiv vor, strukturiere meine Inhalte sehr genau, überprüfe Abläufe und spiele mögliche Reaktionen durch. Ich versuche, möglichst wenig dem Zufall zu überlassen.
Ich habe gelernt, souverän zu wirken, auch wenn ich innerlich angespannt bin. Ich habe gelernt, weiterzumachen, obwohl mich eine Situation sehr viel Kraft kostet. Und ich habe gelernt, nach außen eine Version von mir zu zeigen, die möglichst gut zu den Erwartungen anderer Menschen passt. Heute kann ich vieles davon durch Therapie, Diagnostik und meine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema als Masking einordnen.

Masking bedeutet für mich nicht, dass meine Kompetenz oder mein Auftreten unecht sind. Meine Fähigkeiten sind echt, meine Freude an guten Inhalten ist echt und auch mein Wunsch, Menschen mit meinen Vorträgen zu erreichen, ist echt. Aber die Anstrengung ist ebenfalls echt. Genauso wie die Überwindung, die Unsicherheit und die Erschöpfung danach.

Was andere Menschen sehen, ist häufig nur das Ergebnis jahrelang entwickelter Strategien. Sie sehen nicht automatisch, wie viel Vorbereitung, Kontrolle und Energie notwendig waren, damit genau dieses Ergebnis entstehen konnte. Vielleicht wirke ich nicht souverän, weil mir die Situation leichtfällt. Vielleicht wirke ich souverän, weil ich sehr gut darin geworden bin, meine Anstrengung nicht sichtbar werden zu lassen.

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Ich habe nicht einfach zu wenig geĂĽbt

Und glaubt mir: Ich habe geĂĽbt.
Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn viele Coachings gemacht, Präsentationstechniken gelernt und mich immer wieder bewusst Situationen ausgesetzt, die mir schwerfallen. Auch Bühnen waren für mich nie etwas Neues.

Schon als Kind stand ich über zehn Jahre lang auf Bühnen. Ich habe gesungen, musiziert und bei Musicals mitgewirkt. Von außen könnte man deshalb vermuten, dass Auftritte irgendwann zur Routine wurden. Dass mit der Erfahrung auch die Freude kam. Dass sich die Angst oder Anspannung mit genügend Wiederholungen auflöste.
Doch dieser Moment kam nie. Egal, wie gut ich war, wie viel Applaus ich bekam oder wie häufig ich auftrat: Es wurde für mich nie zu etwas, das mir wirklich Freude machte. Jeder dieser Auftritte war ein Kraftakt.
Als Kind wollte ich Erwartungen erfüllen. Ich wollte allen gefallen und niemanden enttäuschen. Also machte ich weiter. Wahrscheinlich habe ich schon damals gelernt, nach außen etwas anderes zu zeigen als das, was in mir vorging.

Lange dachte ich, ich müsste mich einfach noch häufiger überwinden, noch besser vorbereitet sein, noch mehr üben und noch selbstbewusster werden. Schließlich hören wir immer wieder, wie wichtig es sei, die eigene Komfortzone zu verlassen und über den eigenen Schatten zu springen.
Und ja: Natürlich kann es sinnvoll sein, sich Herausforderungen zu stellen. Auch ich möchte mich weiterentwickeln und mich nicht von jeder Unsicherheit begrenzen lassen.

Doch es gibt einen Unterschied zwischen einer unangenehmen Herausforderung und einer Belastung, die dauerhaft sehr viel Energie verbraucht. Entwicklung bedeutet nicht, die eigenen Grenzen so lange zu ignorieren, bis man sie nicht mehr spĂĽrt. Und Wachstum bedeutet nicht, dass jede HĂĽrde irgendwann verschwinden muss.

Franzi steht bei einem professionellen Filmdreh vor einer Kamera und einem gelben Hintergrund.
Filmdreh fĂĽr die Commerzbank: Die Situation war fĂĽr mich herausfordernd, doch die psychologische Sicherheit im Team machte einen entscheidenden Unterschied.
‍Weitere Einblicke in das Projekt findest du in meiner Case Study zu Money Mate: Link


Wenn psychologische Sicherheit einen Unterschied macht

Das Foto zeigt mich bei einem Filmdreh fĂĽr die Commerzbank. Wer mich dort sieht, erlebt vermutlich eine konzentrierte und professionelle Person vor der Kamera.

Was man nicht sieht: Ich stehe ĂĽberhaupt nicht gern vor der Kamera.
Trotzdem war diese Situation anders. In unserem Produktteam herrschte eine hohe psychologische Sicherheit. Ich fĂĽhlte mich akzeptiert, konnte offen kommunizieren und hatte nicht das GefĂĽhl, mich verstellen oder etwas vorspielen zu mĂĽssen. Ich musste meine Anspannung nicht verstecken und nicht versuchen, einer bestimmten Erwartung zu entsprechen. Ich durfte in dieser Situation einfach ich selbst sein.
Die Barriere war dadurch nicht plötzlich verschwunden. Aber die Rahmenbedingungen haben einen entscheidenden Unterschied gemacht.

Für mich zeigt diese Erfahrung sehr deutlich, was psychologische Sicherheit bewirken kann: Sie nimmt uns nicht jede Hürde. Aber sie kann verhindern, dass wir zusätzlich Energie dafür aufwenden müssen, unsere Anspannung zu verbergen, Erwartungen zu erfüllen oder eine Rolle zu spielen.

Gerade in Zeiten großer Veränderungen und Unsicherheiten – etwa durch KI – wird viel über psychologische Sicherheit gesprochen. Für mich zeigt sie sich dort, wo Menschen offen über ihre Bedürfnisse, Zweifel und Grenzen sprechen dürfen, ohne dass ihre Fähigkeiten infrage gestellt werden.

Psychologische Sicherheit lässt Barrieren nicht einfach verschwinden.
Aber sie schafft Räume, in denen wir mit ihnen umgehen können, ohne uns selbst verstecken zu müssen.
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Eine Erklärung ist keine Ausrede

Seit meiner ADHS-Diagnose lerne ich, meine Erfahrungen neu einzuordnen. Ich verstehe besser, warum mich manche Situationen so viel Kraft kosten, obwohl sie nach außen leicht, professionell oder souverän wirken.
Ich verstehe heute besser, warum ich so viel Vorbereitung brauche, weshalb ich Unsicherheiten möglichst weit im Voraus kontrollieren möchte und warum es trotz jahrelanger Erfahrung nicht automatisch leichter oder angenehmer wurde.

Dieses Wissen ist für mich keine Ausrede. Es bedeutet nicht, dass ich mich vor jeder Herausforderung schützen oder mich nicht mehr weiterentwickeln möchte.
Die Diagnose hilft mir vielmehr, meine Vergangenheit anders zu betrachten. Sie ermöglicht mir, mitfühlender mit mir selbst umzugehen. Ich muss nicht mehr jede Belastung als persönliches Versagen bewerten und nicht mehr automatisch glauben, ich hätte mich einfach stärker anstrengen müssen. Denn an Anstrengung hat es nie gefehlt.

Ich kann mich nicht beliebig umprogrammieren. Was ich aber lernen kann, ist, meine Grenzen und Bedürfnisse besser zu verstehen. Ich kann passende Strategien entwickeln und bewusster entscheiden, wann es für mich sinnvoll ist, über meinen Schatten zu springen – und wann der Preis dafür zu hoch ist. Vor allem kann ich lernen, mich selbst nicht mehr dafür zu verurteilen.

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Wenn Bewältigungsstrategien gegen uns verwendet werden

Viele neurodivergente Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens Strategien, um in einer überwiegend neurotypisch geprägten Arbeitswelt zurechtzukommen. Sie bereiten sich besonders gründlich vor, schaffen eigene Strukturen, analysieren soziale Situationen, üben Abläufe und versuchen, Unsicherheiten vorwegzunehmen.

Sie gleichen Barrieren durch einen erhöhten Einsatz von Zeit, Konzentration und Energie aus. Diese Strategien können dazu führen, dass eine Herausforderung nach außen kaum noch sichtbar ist.
Das Problem beginnt dort, wo genau diese erfolgreiche Kompensation gegen einen Menschen verwendet wird.

Wenn es heiĂźt:

‍„Du schaffst es doch.“ Oder: „Man merkt dir gar nichts an.“ Und schließlich: „Warum brauchst du dann Unterstützung?“

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Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Je erfolgreicher ein Mensch seine Herausforderungen kompensiert, desto weniger glaubwĂĽrdig erscheint sein UnterstĂĽtzungsbedarf.

Menschen müssen beinahe erst sichtbar scheitern, bevor ihre Belastung anerkannt wird. Erst wenn die Leistung nachlässt, jemand dauerhaft ausfällt oder nicht mehr funktionieren kann, wird offensichtlich, dass die bisherigen Bedingungen vielleicht nie wirklich tragfähig waren. Doch Unterstützung sollte nicht erst beginnen, wenn jemand zusammenbricht. Inklusion bedeutet nicht, auf das Scheitern zu warten.

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Gute Leistung bedeutet nicht automatisch gute Bedingungen

Die entscheidende Frage sollte nicht nur sein, ob ein Mensch etwas grundsätzlich schaffen kann. Wir sollten auch fragen, unter welchen Bedingungen die Person es schafft, wie viel Energie es sie kostet und ob dieser Einsatz langfristig tragfähig ist.

Welche Unterstützung könnte unnötige Belastungen reduzieren?
Welche Rahmenbedingungen würden es ermöglichen, dass eine Person nicht nur funktioniert, sondern gesund und dauerhaft arbeiten kann?

Gute Leistung ist nicht automatisch ein Zeichen dafĂĽr, dass die Bedingungen gut sind. Manchmal zeigt sie lediglich, wie viel ein Mensch bereit oder gezwungen ist zu kompensieren.

Ich möchte weiterhin Vorträge halten, auf Bühnen stehen, Wissen teilen und Diskussionen anstoßen. Ich möchte mich nicht kleiner machen oder absichtlich schlechter präsentieren müssen, damit meine Herausforderungen ernst genommen werden.
Ich möchte aber auch nicht, dass meine sichtbare Leistung als Beweis gegen meine eigene Wahrnehmung verwendet wird. Kompetenz und Unterstützungsbedarf sind keine Gegensätze. Souveränität und Anspannung können gleichzeitig existieren. Stärke und Verletzlichkeit ebenso.

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Meine Erfahrung darf nicht zum MaĂźstab fĂĽr andere werden

Seit ich mich intensiver mit ADHS, Neurodivergenz und Masking beschäftige, merke ich immer deutlicher: Ich bin mit diesen Erfahrungen nicht allein.
Viele Menschen haben über Jahre gelernt, Erwartungen zu erfüllen, sich anzupassen und nach außen souverän zu wirken. Manche tun das so erfolgreich, dass andere ihre Anstrengung nicht erkennen. Und manchmal sogar so erfolgreich, dass sie selbst vergessen, wie viel Kraft diese Anpassung eigentlich kostet.

Doch Neurodivergenz zeigt sich nicht bei allen Menschen gleich. Nicht jede Person kann die eigenen Bedürfnisse präzise benennen. Nicht jede Person kann auf einer Bühne stehen und über ihre Erfahrungen sprechen. Nicht jede Person hat bereits eine Diagnose oder die passenden Worte für das eigene Erleben. Und nicht jede Person kann jederzeit so funktionieren, wie es die Umgebung von ihr erwartet.
Genau deshalb darf meine Fähigkeit, zu präsentieren, niemals zum Maßstab für andere neurodivergente Menschen werden. Dass ich eine Strategie gefunden habe, bedeutet nicht, dass sie für andere funktioniert. Und dass ich etwas leisten kann, bedeutet nicht, dass alle Menschen dieselbe Belastung auf dieselbe Weise kompensieren können oder müssen.

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Was ich mir für das nächste Feedback wünsche

Wenn dir ein Mensch sagt, dass etwas eine groĂźe HĂĽrde war, dann widersprich dieser Erfahrung nicht mit der sichtbaren Leistung.

Sage nicht sofort:

‍„Aber du hast es doch gut gemacht.“


Frage lieber: ‍

„Was hat dich dabei so viel Kraft gekostet?“ Oder: „Was hätte dir die Situation erleichtert?“ ‍‍
‍Manchmal reicht auch ein einfaches: „Danke, dass du mir das erzählst.“


Denn ein Kompliment und die Anerkennung einer Belastung schließen sich nicht aus. Du kannst sagen: „Deine Präsentation war wirklich gut. Gleichzeitig glaube ich dir, dass sie für dich eine große Hürde war.“

Dieser eine zusätzliche Satz verändert viel. Er bewertet nicht nur das sichtbare Ergebnis, sondern erkennt auch den Menschen dahinter an.
Vielleicht hörst du schon bald wieder einen Vortrag, nimmst an einer Schulung teil oder bewertest die Leistung eines anderen Menschen. Dann erinnere dich daran: Du siehst das Ergebnis. Du siehst aber nicht automatisch die Vorbereitung, die Überwindung, das Masking oder die Erschöpfung dahinter.
Die Leistung ist sichtbar. Die Barriere nicht.

Und kein Mensch sollte seine Fähigkeiten verstecken oder erst sichtbar scheitern müssen, damit die eigene Belastung ernst genommen wird.
Zukunft entsteht nicht durch blinde Anpassung, sondern durch neues (anders) Denken.

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Wie erlebst du das?

Hast du selbst schon erlebt, dass dir eine Belastung nicht geglaubt wurde, weil deine Leistung nach außen souverän wirkte? Oder hast du dich nach einem Feedback gefragt, wie du die Anstrengung hinter einer Leistung besser anerkennen kannst?

Teile deine Gedanken gerne unter meinem LinkedIn-Beitrag. Wenn du Fragen zu ADHS, Masking oder unsichtbaren Barrieren im Arbeitskontext hast, kannst du mich auch direkt kontaktieren.

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Franzi Detail

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