Buchreflexion: Das groĂźe Handbuch fĂĽr Erwachsene mit ADHS

Das groĂźe Handbuch fĂĽr Erwachsene mit ADHS
2. Auflage

ADHS verstehen – jenseits von Selbstoptimierung‍

Diese Buchrezension ist Teil meiner aktuellen Lernreise zum Thema Neurodiversität und Arbeit.
Das „Große Handbuch für Erwachsene mit ADHS“ von Russell A. Barkley, PhD gilt als eines der zentralen Standardwerke zum Thema ADHS im Erwachsenenalter – sachlich, evidenzbasiert und klar in seiner Haltung.

Ich habe dieses Buch nach meiner ADHS-Diagnose gelesen, um mein Verständnis zu vertiefen: nicht, um mich selbst zu diagnostizieren oder schnelle Lösungen zu finden, sondern um besser zu verstehen, wie ADHS wirkt, warum bestimmte Strategien helfen – und wo individuelle Schwierigkeiten weniger mit persönlicher Kompetenz zu tun haben als mit Strukturen, Kontexten und Erwartungen.

Diese Rezension ist deshalb keine klassische Buchbesprechung. Sie ist eine persönliche Einordnung: Was hat dieses Buch bei mir sortiert? Was hat es bestätigt, was nachdenklich gemacht – und was ist besonders relevant, wenn man ADHS nicht nur individuell, sondern im Zusammenhang mit Arbeit, Organisation und Zusammenarbeit betrachtet?

‍

ADHS einordnen: Erklärung statt Schuldzuweisung

Barkley beginnt dort, wo viele Betroffene lange allein gelassen werden: bei der Einordnung.
ADHS wird konsequent als neurobiologische Störung der Selbstregulation beschrieben – nicht als Charakterschwäche, nicht als mangelnde Disziplin.

Besonders wichtig fand ich seine klare Haltung: ADHS ist chronisch und nicht heilbar – aber gut behandelbar.

Diese Aussage zieht sich durch das gesamte Buch. Sie nimmt Druck raus, ohne Verantwortung abzunehmen. ADHS ist eine Erklärung, keine Ausrede.

Sehr hilfreich ist dabei, dass Barkley ADHS nie isoliert betrachtet. Immer wieder geht es um:

  • Leidensdruck
  • Begleitstörungen
  • konkrete Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Lebensbereichen


Die Einordnung entlang der DSM-IV-Subtypen (vorwiegend hyperaktiv-impulsiv, vorwiegend unaufmerksam, Mischtyp) ist sachlich und nüchtern – und genau das hilft, Abstand zu Mythen und Selbstzweifeln zu gewinnen.


Verstehen als Grundlage für Veränderung

Ein zentrales Motiv des Buches ist: Ohne Verständnis keine Veränderung.

Bevor es um Strategien geht, fordert Barkley dazu auf, sich selbst ehrlich zu prĂĽfen:

  • Habe ich ADHS?
  • Wie groĂź ist meine Beeinträchtigung?
  • Wo brauche ich UnterstĂĽtzung – und wo nicht?


Diese Selbstreflexion zieht sich durch das gesamte Buch. Immer wieder gibt es Fragen, Checklisten und Einordnungen, die nicht bequem sind, aber wirksam.

Besonders prägend fand ich die fünf zentralen Problembereiche, die Barkley beschreibt und die sich wie ein roter Faden durch viele Alltagssituationen ziehen:

  • Selbstmanagement (Zeit, Planung, Ziele)
  • Selbstorganisation, Problemlösen und Arbeitsgedächtnis
  • Selbstdisziplin / Inhibition
  • Selbstmotivation
  • Selbstaktivierung, Konzentration und Fokus


Vor allem das Thema Emotionsregulation hat bei mir stark resoniert. ADHS betrifft nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Gefühle. Emotionen sind oft intensiver, schneller und schwerer steuerbar. Barkley beschreibt das nicht wertend, sondern erklärend – und das allein wirkt bereits entlastend.


Strategien statt Selbstoptimierung

Was mir an Barkley besonders gefällt: Er verspricht keine Wunder. Immer wieder macht er klar: Das ist harte Arbeit.

Strategien ersetzen keine Medikamente – und Medikamente ersetzen keine Strategien. Beides gehört zusammen.

Sehr praxisnah beschreibt er, wie Defizite kompensiert werden können:

  • externe Hilfsmittel statt Vertrauen auf das Gedächtnis
  • klare Strukturen, Prozesse und Abläufe
  • Planer, Listen und visuelle Hinweise
  • Belohnungen, Feedback und soziale Verbindlichkeit
  • Coaching und Mentoring


Ein Gedanke, der bei mir hängen geblieben ist: ADHS verlangt, Probleme nach außen zu verlagern – sichtbar, greifbar, konkret. Nicht alles im Kopf lösen zu wollen, sondern die Umwelt aktiv mitzugestalten.


Medikamente: Grundlage der Behandlung

Ein großer Teil des Buches widmet sich dem Thema Medikation. Barkley argumentiert hier sehr klar evidenzbasiert: Bei mittelgradiger bis schwerer ADHS sind Medikamente die wirksamste Einzelmaßnahme, oft wirksamer als eine Verhaltenstherapie allein. Studien zeigen bei 70–95 % der Betroffenen eine deutliche Verbesserung der Symptome.

Er erklärt ausführlich:

  • den Unterschied zwischen Stimulanzien und Nicht-Stimulanzien
  • Wirkweisen, Nebenwirkungen und Darreichungsformen
  • die Bedeutung einer engmaschigen ärztlichen Begleitung


Barkley betont dabei immer wieder, dass Medikation keine „Abkürzung“ ist, sondern häufig erst die Voraussetzung schafft, damit andere Strategien überhaupt wirksam greifen können.

Was mich persönlich nachdenklich gemacht hat, ist weniger seine Haltung – sondern die Tatsache, wie viele der im Buch beschriebenen Medikamente in Deutschland nicht zugelassen sind, obwohl Barkley Medikamente klar als Grundlage der Behandlung versteht. Das wirft Fragen an das Versorgungssystem auf und unterstreicht, wie wichtig informierte, mündige Entscheidungen und eine gute ärztliche Begleitung sind.

‍

Beruf & Arbeit: Kontext schlägt Kompensation

Für mich war das Kapitel zu Beruf und Arbeitswelt eines der stärksten im Buch – auch im Kontext meiner aktuellen Lernreise. Gerade hier wird besonders deutlich, wie sehr ADHS nicht nur individuelles Verhalten betrifft, sondern systemische Bedingungen offenlegt.

Barkley macht klar: Nicht jeder Beruf und nicht jede Arbeitsumgebung sind ADHS-freundlich. Manche Kontexte verstärken Symptome massiv, andere wirken stabilisierend oder sogar aktivierend.

Er beschreibt Berufsfelder, die fĂĽr viele ADHS-Betroffene besser funktionieren, weil sie:

  • unmittelbares Feedback geben
  • klare Aufgaben oder Abläufe haben
  • Bewegung, Abwechslung oder Zeitdruck enthalten
  • intrinsische Motivation fördern

Dazu zählen unter anderem:

  • Einsatz- und Krisenberufe wie Notfallmedizin, Feuerwehr oder Polizei
  • militärische Kontexte mit klaren Regeln und Struktur
  • Vertrieb und beratende Tätigkeiten mit viel Kommunikation
  • handwerkliche Berufe mit sichtbaren Ergebnissen
  • Gastronomie, insbesondere strukturierte KĂĽchenarbeit
  • IT-nahe Tätigkeiten wie Computertechnik oder Support
  • Sport- und Fitnessberufe
  • kreative und darstellende Berufe wie Schauspiel, Musik oder Tanz
  • Selbstständigkeit und Unternehmertum mit hoher Eigensteuerung


Gleichzeitig warnt Barkley sehr klar vor Arbeitsumgebungen, die ADHS-Symptome verstärken:

  • GroĂźraumbĂĽros mit Lärm und visueller Ablenkung
  • permanente Push-Nachrichten
  • unklare Prioritäten, fehlendes Feedback und implizite Erwartungen


Sein Fazit ist unbequem, aber hilfreich: Nicht alles lässt sich wegorganisieren oder wegtrainieren. Manchmal braucht es echte Anpassungen – oder einen anderen Kontext.


Meine Gedanken nach dem Lesen

Dieses Buch hat bei mir weniger Neues erfunden als vielmehr geordnet – und genau das war wertvoll.

Ich erkenne mich wieder in:

  • Unkonzentriertheit und impulsivem Handeln
  • dem starken BedĂĽrfnis nach klaren Regeln, Strategien und Feedback
  • hoher Geräusch- und Reizempfindlichkeit
  • der Fähigkeit, mich sehr tief in Themen einzugraben, die mich interessieren und nach Lösungen zu suchen
  • mehreren Jobwechseln – aber immer innerhalb desselben fachlichen Feldes


Gleichzeitig bleibt für mich eine spannende Spannung: Ich liebe Struktur. Ich brauche Pläne. Ich brauche Klarheit. Direktes Feedback! Was auf den ersten Blick nicht „typisch ADHS“ wirkt, ist für mich vermutlich eine über Jahre entwickelte Kompensationsstrategie.

Ich bin sehr feinfühlig, emotional und nehme Spannungen, Unsicherheiten und Unklarheiten oft früher wahr als andere – nicht analytisch, sondern körperlich und emotional. Das ist eine große Stärke. Und zugleich etwas, das im Arbeitskontext schnell überfordernd werden kann, wenn Rahmenbedingungen, Rollen und Erwartungen unscharf sind.


Fazit

„Das große Handbuch für Erwachsene mit ADHS“ ist kein leichtes Buch. Aber es ist ein ermächtigendes Buch.

Es nimmt ADHS ernst. Es nimmt Betroffene ernst. Und es fordert dazu auf, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen – mit Wissen, mit Hilfsmitteln und mit Unterstützung.

Für mich ist es weniger ein Buch, das man einmal liest, sondern eines, zu dem man immer wieder zurückkehrt – gerade dann, wenn man verstehen will, wie ADHS im Alltag und in der Arbeit wirksam wird.

‍

Ausblick

Diese Buchrezension bildet eine fachliche Grundlage meiner aktuellen Lernreise. In den nächsten Schritten werde ich diese Perspektive erweitern: durch Interviews mit Menschen, die mit ADHS arbeiten, sowie durch eine Umfrage in meinem Netzwerk.

Mich interessiert dabei weniger die Frage nach „richtigem Verhalten“ als nach wiederkehrenden Mustern: Welche Arbeitskontexte entlasten? Wo entstehen systematische Überforderungen? Und was lässt sich daraus für Arbeit, Zusammenarbeit und Organisation lernen?

Die Erkenntnisse aus Literatur, Gesprächen und Umfrage werde ich in einem separaten Artikel zusammenführen.

‍

Hinweis: Diese Rezension basiert auf meiner persönlichen Lektüre und Einordnung des Buches.
Alle Rechte am Originalwerk liegen beim Verlag bzw. beim Autor.

Franzi Detail

Lust auf einen Kaffee? ✌️

info@franzidesign.de