Buchreflexion: Versteckter Autismus entmaskiert

Buchreflexion: Versteckter Autismus entmaskiert
Warum Unmasking nicht nur persönliche Befreiung ist, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe
Autor: Dr. Devon Price, PhD
Erschienen: 2025
Heute, am 19. Mai, ist Deutscher Diversity-Tag. Ein bundesweiter Aktionstag, der Vielfalt in der Arbeitswelt sichtbar macht und Organisationen dazu einlädt, sich für eine wertschätzende und vorurteilsfreie Arbeitskultur einzusetzen. Ein passender Anlass, um über ein Thema zu schreiben, das in Diversity-Debatten aus meiner Sicht noch immer viel zu wenig Raum bekommt: Neurodiversität.

Denn Vielfalt bedeutet nicht nur unterschiedliche Lebensläufe, Geschlechter, Herkünfte oder Perspektiven. Vielfalt bedeutet auch unterschiedliche Arten zu denken, wahrzunehmen, zu kommunizieren und mit Reizen, Erwartungen und sozialen Situationen umzugehen.
Genau deshalb habe ich heute meine Buchreflexion zu „Versteckter Autismus entmaskiert“ von Dr. Devon Price veröffentlicht.
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich intensiv mit Neurodiversität, ADHS, Hochsensibilität, Autismus, Masking und der Frage, wie sehr Menschen sich anpassen müssen, um in bestehenden Systemen überhaupt als „funktionierend“ wahrgenommen zu werden.
Dabei merke ich immer wieder: Je tiefer ich in das Thema eintauche, desto weniger geht es nur um Diagnosen. Es geht um Wahrnehmung. Um Sprache. Um Scham. Um Zugehörigkeit. Und um die Frage, welche Menschen unsere Gesellschaft als „normal“ anerkennt – und welche erst dann akzeptiert werden, wenn sie ihre Bedürfnisse, Reaktionen und Eigenheiten möglichst gut verstecken.
Genau deshalb hat mich „Versteckter Autismus entmaskiert“ von Dr. Devon Price so beschäftigt. Das Buch ist keine einfache Einführung in Autismus. Es ist vielmehr eine Einladung, Autismus, Neurodivergenz und Behinderung radikal anders zu betrachten: nicht als individuelles Defizit, sondern als Ausdruck menschlicher Vielfalt – und als Spiegel dafür, wie eng unsere Vorstellungen von Normalität oft noch immer sind.
Ich habe das Buch nicht nur fachlich gelesen. Ich habe es auch als neurodivergente Frau gelesen, als UX Designerin, als queere Person und als jemand, der sich seit Jahren mit Systemen, Strukturen und menschlicher Erfahrung beschäftigt.
Und genau deshalb hat es bei mir an vielen Stellen etwas ausgelöst. Denn die zentrale Frage, die für mich beim Lesen immer wieder mitschwang, war:
‍Wie viel von dem, was wir „Anpassung“ nennen, ist eigentlich Selbstverleugnung?
Zum Buch
Devon Price beschreibt in „Versteckter Autismus entmaskiert“, was es bedeutet, autistisch zu sein und über Jahre oder Jahrzehnte hinweg eine Maske zu tragen.
Eine Maske, die nach außen vielleicht Kompetenz, Freundlichkeit, Reife oder Unauffälligkeit zeigt – innerlich aber sehr viel Energie kostet.
Dabei geht es nicht nur um einzelne Verhaltensweisen. Es geht um ein ganzes System sozialer Erwartungen. Um Blickkontakt. Small Talk. Körpersprache. Tonfall. Produktivität. Belastbarkeit. Um die Erwartung, schnell zu antworten, Widersprüche intuitiv zu verstehen, Reize auszuhalten, eigene Bedürfnisse zu unterdrücken und trotzdem souverän zu wirken.
Besonders stark ist für mich, dass das Buch Autismus nicht als starres Bild erklärt. Es räumt mit vielen Klischees auf: dem Bild des weißen, männlichen, sozial unbeholfenen Genies. Dem Bild des gefühlskalten Nerds. Dem Bild, dass Autismus immer offensichtlich sein müsse.
Stattdessen zeigt Price, wie vielfältig autistische Erfahrungen sind – und wie häufig sie übersehen werden. Besonders bei Frauen, trans Personen, nichtbinären Menschen, People of Color, armutsbetroffenen Menschen und Menschen mit zusätzlichen Diagnosen wie ADHS, Angststörungen, Depressionen oder Hochsensibilität. Genau diese Perspektive zieht sich auch stark durch meine Notizen zum Buch.
Das Buch macht deutlich: Viele Menschen wurden nicht nicht erkannt, weil sie keine UnterstĂĽtzung brauchten. Sie wurden nicht erkannt, weil sie gelernt haben, ihre UnterstĂĽtzung unsichtbar zu machen.
Autismus jenseits der Klischees
Ein wichtiger Teil des Buches ist die Frage: Was ist Autismus eigentlich?
‍Price beschreibt Autismus als eine andere Art der Wahrnehmung, Verarbeitung und Reaktion auf Umwelt. Autistische Menschen nehmen Reize oft intensiver wahr, können Details stärker gewichten, denken analytischer, methodischer und weniger intuitiv im neurotypischen Sinn. Das kann eine Stärke sein – aber in einer lauten, schnellen, impliziten Welt auch extrem erschöpfend.
Mich hat daran besonders der Gedanke berührt, dass vieles, was von außen als „zu langsam“, „zu direkt“, „zu empfindlich“ oder „zu kompliziert“ bewertet wird, eigentlich eine andere Logik der Informationsverarbeitung sein kann.
Das erinnert mich stark an meine eigene Arbeit in komplexen Organisationen. Auch dort wird häufig erwartet, dass Menschen soziale und fachliche Situationen schnell „lesen“ können. Dass sie mit unausgesprochenen Regeln umgehen. Dass sie wissen, wann eine Frage willkommen ist und wann sie als Störung wahrgenommen wird. Dass sie zwischen den Zeilen verstehen, was nie klar ausgesprochen wurde.
Aber genau hier liegt aus meiner Sicht ein riesiges Problem: Systeme, die auf impliziten Erwartungen beruhen, schlieĂźen Menschen aus, die Klarheit brauchen.
Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Buch: Autismus ist nicht einfach eine individuelle Abweichung. Autismus macht sichtbar, wie sehr unsere Gesellschaft von unausgesprochenen Normen lebt.
Besonders spannend fand ich auch, wie Price mit dem Satz umgeht:
‍„Jeder Mensch ist ein bisschen autistisch.“
Denn ja: Viele Menschen kennen einzelne autistische Züge. Sie kennen vielleicht Reizempfindlichkeit, soziale Erschöpfung, starke Interessen, den Wunsch nach Klarheit oder das Gefühl, in bestimmten Situationen anders zu funktionieren. Aber das bedeutet nicht, dass alle Menschen „ein bisschen autistisch“ sind.
Genau dieser Satz kann fĂĽr autistische Menschen verletzend sein, weil er ihre Erfahrungen relativiert. Autismus ist nicht einfach eine Sammlung einzelner Eigenschaften. Autismus ist eine tiefgreifende Art, Welt, Reize, Kommunikation und soziale Erwartungen zu verarbeiten.
Und trotzdem steckt in diesem Satz auch eine interessante Irritation: Warum gelten manche Menschen als „gestört“, während andere mit ähnlichen Eigenschaften noch als „normal“ gelten? Wo verläuft diese Grenze? Und wer zieht sie?
Vielleicht zeigt sich genau daran, dass Neurotypik weniger eine neutrale Beschreibung ist, sondern auch eine kulturelle Norm.
Masking als Ăśberlebensstrategie
Masking beschreibt das Verbergen, UnterdrĂĽcken oder Kompensieren autistischer Merkmale, um nicht aufzufallen oder sozial akzeptiert zu werden.
Das kann bedeuten, Blickkontakt zu erzwingen, obwohl er unangenehm ist. Es kann bedeuten, Small Talk zu imitieren, Mimik bewusst zu kontrollieren, Stimming zu unterdrĂĽcken, direkte Sprache zu filtern oder eigene Ăśberforderung zu verstecken.
Nach außen sieht das vielleicht aus wie „gute Anpassung“. Innerlich kann es aber ein permanenter Kraftakt sein.
Besonders eindrĂĽcklich fand ich im Buch die Unterscheidung zwischen Tarnung und Kompensation. Tarnung bedeutet: Ich verstecke, wer ich bin. Kompensation bedeutet: Ich entwickle Strategien, damit meine Schwierigkeiten nicht sichtbar werden.
Beides kann kurzfristig helfen. Aber langfristig stellt sich die Frage:
‍Was passiert mit einem Menschen, der ständig beweisen muss, dass er nicht so ist, wie er eigentlich ist?
Für mich steckt hier eine sehr große Verbindung zu Arbeitskontexten. Viele Organisationen belohnen genau diese Form der Maske. Wer souverän wirkt, gilt als kompetent. Wer ruhig bleibt, gilt als professionell. Wer nicht aneckt, gilt als teamfähig. Wer seine Grenzen nicht zeigt, gilt als belastbar.
Aber was wäre, wenn wir nicht die beste Maske mit Kompetenz verwechseln würden?
Price zeigt sehr deutlich, dass Masking nicht einfach eine persönliche Eigenart ist. Es entsteht in einem sozialen Kontext. Menschen maskieren sich, weil sie gelernt haben, dass ihre direkte, sensible, reizoffene, intensive oder ungewöhnliche Art nicht sicher ist.
Und genau deshalb ist Masking auch nicht fĂĽr alle Menschen gleich.
Wer ohnehin stärker gesellschaftlich bewertet wird, muss oft noch mehr Energie in Anpassung investieren. Mädchen und Frauen lernen häufig früh, freundlich, sozial anschlussfähig und „nicht zu viel“ zu sein. Trans und nichtbinäre Menschen müssen oft zusätzlich ihre Selbstwahrnehmung rechtfertigen. People of Color werden in ihrem Verhalten anders gelesen und können für dieselbe Direktheit, Wut oder Überforderung deutlich stärker sanktioniert werden als weiße Menschen.
Das Buch zeigt hier sehr deutlich: Masking ist keine biologische Eigenschaft. Masking ist eine soziale Erfahrung. Und manchmal ist sie eine Ăśberlebensstrategie.
Diagnose, Sichtbarkeit und Selbstbestimmung
Besonders nachdenklich gemacht hat mich die Frage, was eine Diagnose eigentlich bedeutet.
Eine Diagnose kann entlastend sein. Sie kann Sprache geben für Erfahrungen, die vorher vielleicht nur als persönliches Scheitern gelesen wurden. Sie kann helfen, die eigene Geschichte neu zu verstehen.
Plötzlich wird aus „Ich bin zu empfindlich“ vielleicht: „Meine Reizverarbeitung funktioniert anders.“
Aus „Ich bin schwierig“ wird vielleicht: „Ich brauche klarere Kommunikation.“
Aus „Ich bin falsch“ wird vielleicht: „Ich wurde in einem System bewertet, das meine Art zu funktionieren nicht verstanden hat.“
Gleichzeitig ist eine Diagnose nicht nur Befreiung. Sie kann auch neue Zuschreibungen erzeugen.
Spannend fand ich beim Lesen auch die amerikanische Perspektive, die im Buch immer wieder mitschwingt. Auf der einen Seite gibt es in den USA mit dem Americans with Disabilities Act einen rechtlichen Rahmen, in dem Behinderung als Bürgerrecht verhandelt wird. Der ADA schützt Menschen mit Behinderungen vor Diskriminierung in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens und auch im Arbeitskontext.
Barrierefreiheit ist dort nicht nur eine freundliche Geste, sondern kann in bestimmten Fällen auch juristisch eingefordert werden. Gleichzeitig zeigt gerade diese Perspektive auch ein starkes Spannungsfeld: Eine Diagnose kann Türen öffnen – zu Schutzrechten, Unterstützung, Nachteilsausgleichen oder angemessenen Vorkehrungen. Aber sie kann Menschen auch verletzlicher machen, wenn andere ihnen aufgrund dieser Diagnose weniger zutrauen oder ihre Selbstbestimmung infrage stellen.
Und auch in Deutschland ist das nicht so einfach. Zwar gibt es rechtliche Schutzmechanismen gegen Diskriminierung wegen Behinderung: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbietet Benachteiligungen im Beschäftigungskontext, und Arbeitgeber:innen müssen dafür sorgen, dass Diskriminierungen unterbleiben.
Gleichzeitig heiĂźt das nicht, dass eine Diagnose automatisch sicher ist. Denn sobald Menschen von einer Diagnose erfahren, bringen sie ihre Bilder, Annahmen und Klischees mit.
Gerade bei Autismus haben viele Menschen noch immer stereotype Bilder im Kopf: das männliche Genie, der sozial unbeholfene Nerd, die Person ohne Empathie, der „Rain Man“-Mythos. Diese Bilder führen dazu, dass viele Menschen nicht erkannt werden – oder dass ihnen nach einer Diagnose plötzlich weniger zugetraut wird.
Und da schlieĂźe ich mich selbst mit ein.
Noch vor ein paar Jahren hatte ich kaum Berührungspunkte mit Autismus. Ich habe aus meinem eigenen kleinen, privilegierten Leben als weiße Person heraus auf das Thema geschaut – mit wenig Wissen und wahrscheinlich auch mit vielen unbewussten Klischees.
Zwar bin ich queer und neurodivergent, aber auch das wusste ich selbst lange nicht. Dass ich queer bin, habe ich erst mit ĂĽber dreiĂźig wirklich verstanden. Dass ich neurodivergent bin, erst mit ĂĽber vierzig.
Rückblickend zeigt mir das, wie lange Menschen mit sich selbst ringen können, wenn ihnen Sprache, Vorbilder und sichere Räume fehlen. Und es zeigt mir auch, wie leicht wir glauben, offen zu sein, während wir bestimmte Bilder trotzdem tief verinnerlicht haben.
FĂĽr mich macht das die Frage nach Diagnose und Sichtbarkeit so komplex.
Eine Diagnose kann helfen, sich selbst besser zu verstehen. Sie kann entlasten, verbinden und Zugang zu Unterstützung ermöglichen. Aber sie schützt nicht automatisch vor Ableismus, Klischees oder Abwertung.
Sichtbarkeit ist nur dann stärkend, wenn das Umfeld bereit ist, die eigenen Bilder zu hinterfragen. Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Fragen des Buches:
‍Wie schaffen wir eine Welt, in der Menschen nicht erst beweisen müssen, dass sie behindert sind, um Unterstützung zu bekommen – und danach nicht dafür bestraft werden, dass sie es bewiesen haben?
Die Folgen des ständigen Funktionierens
Einer der härtesten Teile des Buches beschäftigt sich mit den Folgen des Maskings.
Price schreibt über Überreizung, Erschöpfung, Meltdowns, Shutdowns, Alkohol- und Drogenkonsum, Essstörungen, Selbstverletzung, Dissoziation, starre Glaubenssysteme und die Gefahr, in toxische Gemeinschaften zu geraten. Das ist stellenweise schwer zu lesen, aber wichtig.
Denn das Buch zeigt: Masking ist nicht harmlos. Es ist nicht einfach „sich Mühe geben“. Es kann Menschen über Jahre von sich selbst entfernen.
Besonders hängen geblieben ist mir der Gedanke, dass viele Bewältigungsstrategien nach außen zunächst funktionieren. Alkohol kann soziale Situationen leichter machen. Perfektionismus kann Anerkennung bringen. Arbeitssucht kann als Leistungsbereitschaft gelesen werden. Gefälligkeit kann Zugehörigkeit sichern. Rückzug kann Konflikte vermeiden.
Aber wenn eine Strategie nur hilft, weil sie das eigentliche Bedürfnis verdeckt, wird sie irgendwann gefährlich.
Für mich steckt hier eine wichtige Parallele zu vielen Arbeits- und Leistungssystemen. Wir feiern Menschen oft dafür, dass sie lange durchhalten. Dass sie funktionieren. Dass sie keine Umstände machen. Dass sie sich anpassen. Aber wir fragen viel zu selten, was dieses Funktionieren kostet.
Vielleicht ist genau das eine der unbequemsten Erkenntnisse dieses Buches: Nicht jede Person, die funktioniert, ist okay. Und nicht jede Person, die nicht mehr funktioniert, ist gescheitert.
Manchmal ist das Nicht-mehr-Funktionieren der erste ehrliche Hinweis darauf, dass die bisherigen Bedingungen nicht tragfähig waren.
Unmasking als Einladung, sich selbst neu zu lesen
Ein besonders kraftvoller Teil des Buches ist für mich der Perspektivwechsel: Eigenschaften, die häufig negativ bewertet werden, können aus einer anderen Sicht wertvoll, schützend oder identitätsstiftend sein.
Aus „stur“ kann „beharrlich“ werden.
Aus „zu direkt“ kann „klar“ werden.
Aus „zu empfindlich“ kann „reizbewusst“ werden.
Aus „seltsam“ kann „eigenständig“ werden.
Aus „anstrengend“ kann „prinzipientreu“ werden.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten automatisch unproblematisch ist. Aber es bedeutet, dass wir vorsichtig sein sollten, wessen MaĂźstab wir verwenden.
Viele Eigenschaften werden nicht deshalb abgewertet, weil sie objektiv schlecht sind, sondern weil sie Systeme irritieren, die auf Konformität angewiesen sind.
Das finde ich sehr stark.Denn Unmasking bedeutet nicht einfach: „Ich bin jetzt immer komplett ungefiltert.“
Es bedeutet eher: Ich beginne zu verstehen, welche Teile von mir ich aus Angst versteckt habe. Welche BedĂĽrfnisse ich abgewertet habe. Welche Freude ich mir verboten habe. Welche Eigenschaften ich nur aus der Perspektive anderer betrachtet habe.
Besonders berĂĽhrt hat mich in diesem Zusammenhang auch das Kapitel ĂĽber Spezialinteressen.
Price beschreibt, wie wichtig Spezialinteressen für autistische Menschen sein können: als Freude, als Regulation, als Zugang zu Wissen, als Verbindung zu Communitys und als Teil der eigenen Identität.
Gleichzeitig zeigt das Buch, wie unterschiedlich unsere Gesellschaft Interessen bewertet. Wer 80 Stunden arbeitet, gilt als ehrgeizig. Wer sich nach Feierabend weiterbildet, gilt als fleißig. Wer ein Hobby monetarisiert, gilt als unternehmerisch. Aber wer sich einfach tief, leidenschaftlich und ohne wirtschaftlichen Nutzen für etwas begeistert, wird schnell als kindisch, obsessiv oder merkwürdig gelesen. Das hat bei mir viel ausgelöst, weil es so stark zeigt, wie sehr Produktivität unser Bild von Wert bestimmt.
Dabei sind Freude, Neugier, Spiel und tiefe Begeisterung nichts Nebensächliches. Sie sind Teil eines guten Lebens.
Vielleicht brauchen wir gerade in einer erschöpften Gesellschaft mehr Räume, in denen Menschen Dingen folgen dürfen, ohne sie sofort rechtfertigen oder verwerten zu müssen.
Was das mit Arbeit, Design und Gesellschaft zu tun hat
Als UX Designerin lese ich dieses Buch natĂĽrlich auch durch eine Gestaltungsperspektive.
Denn im Kern geht es bei Unmasking nicht nur um einzelne Menschen. Es geht um Systeme, die bestimmte Menschen passend machen wollen, anstatt die eigenen Annahmen zu hinterfragen. Das betrifft Arbeitswelten genauso wie Bildung, Medizin, Veranstaltungen, öffentliche Räume und digitale Produkte.
Wenn wir wirklich neurodivers denken wollen, reicht es nicht, Menschen zu sagen: „Sei einfach du selbst.“ Denn „du selbst sein“ ist nur dann sicher, wenn die Umgebung darauf vorbereitet ist.
Was bedeutet das konkret?
Es bedeutet, dass Klarheit keine Sonderbehandlung ist.
Dass reizärmere Räume keine Luxusfrage sind.
Dass schriftliche Informationen nicht „zu viel Aufwand“ sind.
Dass Pausen, Rückzug und Vorabinformationen Teilhabe ermöglichen können.
Dass direkte Kommunikation nicht automatisch unhöflich ist.
Dass Menschen nicht weniger kompetent sind, nur weil sie andere Bedingungen brauchen.
Für mich ist das einer der stärksten Brückenschläge zwischen Neurodiversität und Design: Gute Gestaltung beginnt dort, wo wir aufhören, Standardmenschen vorauszusetzen.
Und genau deshalb ist dieses Buch für mich nicht nur ein Buch über Autismus. Es ist auch ein Buch über Systeme. Über Macht. Über Normalität. Über Zugehörigkeit.
Es stellt die Frage, wie viele Menschen sich eigentlich täglich verbiegen, damit Räume, Prozesse und Erwartungen unverändert bleiben können.
Und es erinnert daran, dass Inklusion nicht bedeutet, Menschen irgendwie in bestehende Systeme hineinzupressen.
Inklusion bedeutet, Systeme so zu verändern, dass mehr Menschen darin würdevoll leben können.
Mein Fazit
„Versteckter Autismus entmaskiert“ ist für mich ein sehr kraftvolles Buch.
Nicht, weil es einfache Antworten gibt. Sondern weil es konsequent den Blick verschiebt.
Weg von der Frage:
‍Wie können autistische Menschen unauffälliger werden?
Hin zu der Frage:
‍Warum müssen so viele Menschen überhaupt unauffällig sein, um sicher zu sein?
Das Buch hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie eng Anpassung, Scham und gesellschaftliche Normen miteinander verbunden sind. Und wie gefährlich es ist, wenn wir Menschen nur dann anerkennen, wenn sie ihre Bedürfnisse, Reaktionen und Eigenheiten verstecken.
Für mich ist Unmasking deshalb mehr als ein persönlicher Prozess. Es ist eine Form von Selbstklärung. Eine Form von Widerstand. Und auch eine Einladung an uns alle, ehrlicher hinzuschauen:
Welche Teile von uns haben wir versteckt, weil sie nicht erwĂĽnscht waren?
Welche BedĂĽrfnisse haben wir abgewertet, weil sie unbequem waren?
Welche Menschen halten wir für „schwierig“, obwohl sie vielleicht nur sichtbar machen, dass ein System zu eng gebaut ist?
Vielleicht ist genau das mein größtes Learning aus diesem Buch: Nicht mehr Anpassung ist die Antwort. Sondern mehr Würde. Mehr Klarheit. Mehr echte Teilhabe. Und Räume, in denen Menschen nicht erst verschwinden müssen, um dazuzugehören.
Den begleitenden LinkedIn-Beitrag findest du hier: Link
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Ein persönlicher Ausblick: UXCamp Europe 2026
Vielleicht passt es deshalb sehr gut, dass ich am Wochenende gleich zwei Beiträge zu diesem Themenfeld für das UXCamp Europe mitgebracht habe.
Einen Beitrag zu meiner persönlichen Reise mit ADHS, Hochsensibilität, Sichtbarkeit und der Frage, wie Barcamps inklusiver werden können. Und einen zweiten Beitrag zu den ersten Ergebnissen meiner Lernreise über neurodivergente Arbeitsmuster in komplexen Projektkontexten.
Für mich hängen diese Themen eng zusammen. Es geht um Sichtbarkeit. Um sichere Räume. Um die Frage, wer sich zeigen kann. Und darum, wie wir Arbeit, Veranstaltungen und Zusammenarbeit so gestalten, dass Menschen nicht erst über ihre Grenzen gehen müssen, um teilzunehmen. Diese Gedanken möchte ich weiterdenken. Und vor allem: weiter mit der Welt teilen.
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Begriffserklärungen zum Schluss
Autismus‍
Autismus ist eine Form der Neurodivergenz. Autistische Menschen nehmen Reize, Kommunikation, soziale Situationen und Informationen häufig anders wahr und verarbeiten sie anders als neurotypische Menschen. Autismus ist sehr vielfältig und zeigt sich nicht bei allen Menschen gleich.
Masking
Masking beschreibt das bewusste oder unbewusste Verbergen, Unterdrücken oder Anpassen eigener Verhaltensweisen, um sozial akzeptiert zu werden oder nicht aufzufallen. Dazu können etwa erzwungener Blickkontakt, unterdrücktes Stimming, angepasste Mimik, gefilterte Sprache oder das Verstecken von Überforderung gehören.
Unmasking
Unmasking bedeutet, die eigene Maske nach und nach zu erkennen, zu hinterfragen und abzulegen. Es geht darum, eigene Bedürfnisse, Grenzen, Kommunikationsweisen und Identität ernster zu nehmen – und nicht dauerhaft gegen sich selbst zu leben.
Stimming
Stimming bezeichnet selbststimulierende Verhaltensweisen, zum Beispiel Wippen, Händeflattern, Summen, Kauen, Fidgeting oder wiederholte Bewegungen. Stimming kann helfen, Reize zu regulieren, Emotionen zu verarbeiten oder sich zu beruhigen.
Spezialinteressen
Spezialinteressen sind intensive, oft sehr tiefgehende Interessen, die für autistische Menschen eine wichtige Rolle spielen können. Sie können Freude, Struktur, Regulation, Wissen, Identität und Verbindung zu anderen Menschen ermöglichen.
Neurodivergenz
Neurodivergenz beschreibt, dass Menschen Informationen, Reize, Emotionen oder soziale Situationen anders verarbeiten als die als neurotypisch geltende Norm. Dazu können unter anderem Autismus, ADHS, Dyslexie oder Tourette gehören.
Neurodiversität
Neurodiversität beschreibt die Vielfalt menschlicher Gehirne, Wahrnehmungsweisen und Denkformen. Der Begriff versteht neurologische Unterschiede als Teil menschlicher Vielfalt und nicht automatisch als Defizit.
Allistisch
Allistisch beschreibt Menschen, die nicht autistisch sind. Eine allistische Person kann neurotypisch sein, muss es aber nicht. Zum Beispiel kann eine Person ADHS haben und damit neurodivergent, aber nicht autistisch sein.
Ableismus
Ableismus beschreibt die Abwertung, Benachteiligung oder Diskriminierung von Menschen aufgrund von Behinderung oder zugeschriebener Leistungsfähigkeit. Ableismus zeigt sich nicht nur in offenen Vorurteilen, sondern auch in Strukturen, Sprache und Erwartungen daran, wie Menschen funktionieren sollen.
Sensorische Barrierefreiheit
Sensorische Barrierefreiheit bedeutet, Räume, Veranstaltungen, Arbeitsumgebungen oder öffentliche Orte so zu gestalten, dass Reize wie Licht, Geräusche, Gerüche, Berührung oder visuelle Unruhe mitgedacht werden. Das kann zum Beispiel Rückzugsräume, reduzierte Lautstärke, klare Beschilderung oder reizärmere Umgebungen umfassen.
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