KI kann Software nachbauen. Reicht das fĂĽr ein gutes Produkt?

Die Designszene ist gefühlt permanent im Umbruch – und in Unruhe. Neue Tools, neue Möglichkeiten und immer wieder die Frage, was das alles für unsere Arbeit bedeutet. Ich finde vieles daran spannend. Gleichzeitig möchte ich bei den großen Versprechen genauer hinschauen und die Entwicklungen einordnen. Auch, um etwas von der Verunsicherung zu nehmen, die solche Meldungen auslösen können.
Diesmal ist es eine Überschrift bei ZEIT ONLINE, die mich beschäftigt: „Das Happy End des Internets?“
Quelle: ZEIT ONLINE – „Das Happy End des Internets?“

KI-generierte Nachbauten von Programmen wie Photoshop werfen die Frage auf, ob wir solche Werkzeuge kĂĽnftig einfach kostenlos bekommen. Werden bald alle Programme Open Source sein? Und was bedeutet das fĂĽr die Menschen, die digitale Produkte gestalten und weiterentwickeln?
Mein erster Gedanke dazu:
Kopieren konnten wir schon vorher.
Gerade im Webdesign ist das nichts Neues. Websites basieren auf denselben Templates, Gestaltungsmuster wiederholen sich, erfolgreiche Lösungen werden aufgegriffen. Auch im Design schauen wir nach rechts und links. Wir lassen uns inspirieren, übernehmen Bekanntes und entwickeln es weiter.
Neu ist für mich vor allem, welche Komplexität solche Nachbauten inzwischen erreichen können. Mit meiner UX-Brille frage ich mich, was daraus ein Produkt macht, das Menschen dauerhaft nutzen möchten.
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Photoshop nachgebaut – wie weit reicht das wirklich?
Der Anlass ist aktuell PhotoCraft, ein offener Bildeditor, der sich an Photoshop orientiert. In der ursprünglichen Ankündigung wurden sieben Projekte vorgestellt, darunter Alternativen zu Illustrator, Premiere und After Effects. Inzwischen führt die ArtCraft-Übersicht 13 Anwendungen auf – mit Entwicklungsständen und Links zu den Installern.

Nach eigenen Angaben entsteht PhotoCraft aus öffentlichen Spezifikationen und beobachtbarem Programmverhalten, ohne proprietären Code zu übernehmen. Das Projekt nennt dies einen Clean-Room-Ansatz. Die Dokumentation beschreibt auch eine Arbeitssitzung mit acht parallel arbeitenden KI-Agenten. Der Quellcode ist auf GitHub zugänglich.
Reverse Engineering auf dieser Grundlage finde ich technisch sehr interessant. Die zugespitzte Meldung, Photoshop sei in einer Woche vollständig nachgebaut worden, geht aber zu weit. PhotoCraft bezeichnet sich selbst als frühe Alpha und noch nicht als Ersatz für den professionellen Alltag.
Auch FilmCraft, das sich an Premiere Pro orientiert, dokumentiert Lücken: Premiere-Projektdateien lassen sich noch nicht direkt öffnen, wichtige Plugin-Anbindungen fehlen.
Wenn Menüs, Werkzeugleisten und Arbeitsbereiche vertraut aussehen, entsteht schnell der Eindruck, dass die Software auch ähnlich viel kann. Ob das stimmt, zeigt sich erst beim Arbeiten: Lassen sich bestehende Dateien öffnen, Änderungen zuverlässig speichern und Projekte fertigstellen?
Für mich gehört genau das zur Qualität eines Produkts. Eine beeindruckende Vorstellung weckt Interesse. Im Alltag müssen Menschen sich auf ihr Werkzeug verlassen können. Zwischen beidem liegt Entwicklungsarbeit, deren Umfang sich aus einer ähnlichen Oberfläche kaum ablesen lässt.
Deshalb finde ich solche Nachbauten als Experiment spannend. Die Schlussfolgerung, dass damit ganze Softwareunternehmen ĂĽberflĂĽssig werden, geht mir aber deutlich zu weit.
Auf LinkedIn bin ich außerdem auf ein Video von Julian Ivanov gestoßen: „KI baut jetzt jede Software nach (und was das für dich bedeutet)“. Es greift die Entwicklung auf, die mich zu diesen Überlegungen gebracht hat.
Brauche ich ĂĽberhaupt ein zweites Photoshop?
Ich nutze Photoshop seit Jahren nicht mehr. Für meine Aufgaben ist es mir zu komplex geworden. Das bedeutet nicht, dass andere Menschen diese Funktionen nicht brauchen. Aber wenn ein Produkt für mich zu umfangreich geworden ist, übernimmt eine möglichst vollständige Kopie möglicherweise genau die Komplexität, wegen der ich es verlassen habe.
In meinem UX-Alltag gehört es dazu, immer wieder mit neuen Tools zu arbeiten. Anforderungen verändern sich, andere Werkzeuge passen besser zum eigenen Arbeitsprozess, und manches wird tatsächlich einfacher.
Eine Alternative muss für mich deshalb nicht alles können, was das Original kann.
Sie muss die Dinge gut lösen, die ich wirklich brauche.
Für klar begrenzte Aufgaben kann ein kleineres Werkzeug vollkommen ausreichen. Darin sehe ich großes Potenzial – auch für Anwendungen, die mit KI entwickelt werden.

Welche Funktionen helfen wirklich?
Ein Produkt weiterzuentwickeln kann auch bedeuten, bewusst etwas wegzulassen.
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Ein Produkt entwickelt sich im Austausch mit Menschen
Genau deshalb arbeite ich gerne an komplexen Services, die sich kontinuierlich weiterentwickeln. Fachlich muss dabei oft viel zusammenkommen. Umso wichtiger ist mir, dass Menschen diese Komplexität nicht bei jedem Arbeitsschritt selbst bewältigen müssen.
Ich kenne es aus meiner täglichen UX Arbeit: Wir sprechen mit den Menschen, die unsere Produkte nutzen, hören ihre Wünsche und erfahren, wo es hakt. Dabei geht es auch darum, die Bedürfnisse hinter einem Wunsch zu verstehen und abzuwägen, welche Lösung im gesamten Ablauf hilft.
Wer ein bestehendes Programm nachbaut, beginnt an einem anderen Punkt. Das vorhandene Produkt liefert bereits viele Antworten: welche Funktionen existieren, wie sie angeordnet sind und wie sie sich verhalten.
Offen bleibt, ob diese Antworten zu den Menschen passen, die ich erreichen möchte. Welche Probleme sind weiterhin ungelöst? Welche Anforderungen haben sich verändert?
Eine mit KI entwickelte Anwendung kann anschließend weiterentwickelt werden. Entscheidend ist, welches Ziel wir verfolgen. Wenn der Auftrag lautet, Photoshop möglichst genau nachzubauen, wird das bestehende Produkt zum Maßstab – mitsamt seinen bisherigen Entscheidungen.
Mich interessiert, was danach passiert: Welche RĂĽckmeldungen greifen wir auf?
Was vereinfachen wir? Und woran erkennen wir, dass eine Veränderung den Menschen tatsächlich hilft?
Ich glaube, dass langfristig die Produkte überzeugen, die einen spürbaren Unterschied machen. Das kann eine neue Möglichkeit sein, ein verständlicherer Ablauf oder eine bewusste Vereinfachung. Genau darin liegt für mich der Beitrag von UX.
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Bei komplexen Services zählt das Zusammenspiel
Bei einer einzelnen Aufgabe kann ich ein neues Werkzeug ausprobieren und relativ schnell beurteilen, ob es mir hilft. Bei einem Service, an dem ganze Arbeitsprozesse hängen, reicht dieser erste Eindruck nicht aus.
Hier spielen Schnittstellen, Daten, Rollen und Berechtigungen zusammen. Andere Systeme verlassen sich auf bestimmte Ergebnisse. Menschen müssen darauf vertrauen können, dass ihre Arbeit erhalten bleibt und Abläufe zuverlässig funktionieren.
Eine ähnliche Oberfläche oder eine lange Featureliste sagt darüber wenig aus. Auch komplexe Open-Source-Produkte können diese Anforderungen erfüllen. Sichtbare Ähnlichkeit allein belegt diese Qualität aber noch nicht.
Das gilt ebenso für die Modernisierung bestehender Anwendungen. KI hilft, solche Systeme zu untersuchen und Alternativen zu entwickeln. Bevor wir Abläufe übernehmen, müssen wir aber ihre Bedeutung verstehen. Sonst übertragen wir womöglich jahrelang gewachsene Probleme in neuen Code.
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Erinnerungen an früher – und die Frage nach dem Urheberrecht
Die Diskussion weckt bei mir auch Erinnerungen an die Zeit, in der Raubkopien im Internet kursierten, und an Namen wie Kim Dotcom. Ich erinnere mich an das Gefühl, dass teure Software plötzlich für viele erreichbar wurde. Heute beschäftigt mich erneut die Frage, wie sich der Zugang zu digitalen Werkzeugen verändert.
Rechtlich ist eine eigenständige Neuimplementierung gesondert zu betrachten. Der EuGH hat im Verfahren SAS Institute gegen World Programming klargestellt, dass die Funktionalität eines Programms als solche nicht durch das Softwareurheberrecht geschützt ist. Das Beobachten und Untersuchen rechtmäßig genutzter Software ist unter den im Urteil genannten Voraussetzungen zulässig.
Die verkürzte Aussage „Das Urheberrecht schützt nur den Code“ würde ich trotzdem nicht übernehmen.
Beispielsweise können auch Inhalte von Handbüchern geschützt sein.
Die Bezeichnung „Clean Room“ allein beantwortet deshalb noch nicht alle rechtlichen Fragen eines konkreten Nachbaus.
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Kostenlos heiĂźt nicht, dass keine Kosten entstehen
Beim Blick auf ArtCraft bin ich auch ĂĽber die Preisseite gestolpert. Kostenlose Programme und dann doch ein Abo?
Unter derselben Marke stehen unterschiedliche Angebote: die kostenlosen Crafting Apps und das ArtCraft Studio für KI-gestützte Bild- und Videogestaltung. Die kostenpflichtigen Studio-Tarife enthalten Credits für Generierungen. Laut Anbieter ist die Nutzung auch ohne ArtCraft-Abo möglich, wenn man eigene Rechenleistung oder Zugänge zu Drittanbietern mitbringt.

Damit verschwinden die Kosten natĂĽrlich nicht. Je nach Modell und Nutzung fallen Token-, Generierungs- oder Rechenkosten an. Auch Wartung, Fehlerbehebung und Weiterentwicklung brauchen Zeit und Ressourcen.
Das ist kostenlos, bedeutet nicht, dass keine Kosten entstehen. Deshalb interessiert mich, wie ein Angebot finanziert wird und wer langfristig Verantwortung für Pflege und Weiterentwicklung übernimmt. Diese Transparenz gehört für mich zum Vertrauen in ein Produkt, aber das wird aktuell oft nicht diskutiert.
Vielleicht verändert sich durch KI vor allem, wofür wir bezahlen – etwa für Rechenleistung und Dienstleistungen rund um ein frei verfügbares Werkzeug.
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Werden nun alle Programme Open Source?
Ich glaube nicht, dass sich das aus diesen Projekten ableiten lässt. Open Source ist eine Frage der Lizenz und der damit verbundenen Rechte zur Nutzung, Veränderung und Weitergabe. Kommerzielle Nutzung ist damit vereinbar. KI kann ebenso für die Entwicklung geschlossener Software eingesetzt werden.
Ich erwarte eher mehr Alternativen und damit mehr Anlässe, die eigenen Werkzeuge zu hinterfragen. Für manche Aufgaben wird eine kostenlose Anwendung reichen. Für andere werden wir weiterhin für Verlässlichkeit, Zusammenarbeit, Betreuung und passende Funktionen bezahlen wollen.
Ich bleibe neugierig, wie sich die Adobe-Nachbauten entwickeln. Die technische Leistung verdient Aufmerksamkeit. Genauso interessiert mich, was aus ihnen wird, wenn Menschen sie im Alltag einsetzen und ihre Anforderungen zurĂĽckspielen.
Kopieren kann ein Anfang sein. Ob daraus ein Produkt entsteht, auf das Menschen dauerhaft vertrauen, zeigt sich in seiner Weiterentwicklung.
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Zum Weiterlesen
- ArtCraft: alle Anwendungen und Installer
- PhotoCraft auf GitHub
- PhotoCraft: Dokumentation zum Agenteneinsatz und Entwicklungsstand
- FilmCraft: Entwicklungsstand
- Ghidra
- GhidraMCP
- REA – Reverse Engineer Anything
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