Zwischen Hitze, Evakuierung und PsyCare: Was ich auf der Fusion ĂĽber Leadership gelernt habe

Vom UX Festival in Erfurt ging es für mich fast direkt weiter zur Fusion nach Lärz. Einen Tag Berlin, kurz arbeiten, Montagabend LKW einladen – und dann weiter Richtung ehemaliger Militärflugplatz.
Meine Rolle dieses Jahr: Head Orga bei eclipse e.V.
Oder anders gesagt: Ehrenamt Nummer drei. Vier Tage Urlaub nehmen, um einen PsyCare-Einsatz auf einem der größten alternativen Festivals Europas mitzuorganisieren. Klingt für manche Menschen vielleicht verrückt. Für mich ist es einer der intensivsten Lernräume, die ich kenne.
eclipse e.V. richtet Rückzugsorte auf Festivals ein, informiert rund um das Thema Drogenkonsum und unterstützt Menschen in Krisensituationen. Wir haben Infostände und Orte, an denen Menschen in psychischen Krisen, emotionalen Ausnahmezuständen oder substanzbezogenen Krisen begleitet werden. Das ist ruhig, intensiv, manchmal chaotisch, oft berührend – und immer menschlich.
Auf der Fusion waren wir dieses Jahr rund 160 Personen im eclipse-Team an zwei Standorten. Darunter Ärzt:innen, Psychiater:innen, Psycholog:innen, Theolog:innen, Lehrer:innen, Pädagog:innen, Physiker:innen, Chemiker:innen, Menschen aus der Feierkultur, Menschen aus dem medizinischen Kontext und viele andere. Ein wilder Haufen. Und genau das macht es so besonders.
Ich könnte jetzt viel über UX erzählen. Über Nutzerbedürfnisse, komplexe Systeme, Orientierung, Kommunikation oder Service Design. Aber eigentlich geht es mir um etwas Grundsätzlicheres: Warum tue ich mir das an?
Diese Frage bekomme ich jedes Jahr von Freund:innen gestellt.
Warum plane ich wochenlang einen Festival-Einsatz?
Warum nehme ich Urlaub fĂĽr Krisenarbeit?
Warum investiere ich so viel Energie in ein Ehrenamt, das mich regelmäßig an meine Grenzen bringt?
Meine Antwort ist jedes Jahr ähnlich: Weil ich nirgendwo so viel über Menschen, Teams und Leadership lerne wie dort.
Eine Fusion unter Extrembedingungen
Die Fusion 2026 wird vielen vermutlich wegen der extremen Temperaturen in Erinnerung bleiben. Für das Festivalwochenende wurden Temperaturen von bis zu 39 Grad erwartet, gleichzeitig waren laut Berichten rund 65.000 Besucher:innen auf dem Gelände und knapp 450 medizinische Hilfskräfte im Einsatz.
Dazu kam am Donnerstag eine große Unterbrechung wegen eines Brandes in der Nähe des Festivalgeländes. Besucher:innen wurden angewiesen, sich auf die Landebahn des ehemaligen sowjetischen Militärflugplatzes zu begeben. Laut Veranstalter gab es zu keinem Zeitpunkt einen Brand auf dem Festivalgelände selbst, und die Evakuierung verlief reibungslos.
Am Samstagabend kam dann noch eine zweite Situation durch ein Gewitter dazu, die fĂĽr eine weitere Unterbrechung sorgte. Diese zweite Lage wurde nach kurzer Zeit wieder aufgehoben, aber fĂĽr mich war es trotzdem ein Moment, in dem ich innerlich kurz dachte: Nie wieder.
Nicht, weil ich es wirklich nicht mehr machen möchte. Sondern weil solche Momente zeigen, wie viel Verantwortung auf einmal in einem sehr kurzen Zeitraum spürbar wird.
Meine Rolle: Head Orga im Ehrenamt
Auf der Mitgliederversammlung im Frühjahr wurde ich zusammen mit Claudi als Head Orga gewählt. Unsere Aufgabe: Gemeinsam mit sechs weiteren Personen die Orga für den Fusion-Einsatz 2026 übernehmen. Wochenlange Planung, viele Abstimmungen, viele offene Fragen, viele Schnittstellen.
Meine Schwerpunkte lagen vor allem in der Kommunikation, Teamkoordination und Schnittstellenarbeit – vor und auf dem Festival. Dazu gehörten Abstimmungen mit dem Kulturkosmos, kurz KuKo, also dem Verein hinter der Fusion, sowie mit den Sanis vor Ort und weiteren Beteiligten.
Für mich war es das dritte Jahr als Orga-Person auf der Fusion. Davor war ich oft als Gästin dort und kenne somit beide Seiten: Die Perspektive der Person, die sich vom Festival treiben lässt – und die Perspektive der Person, die im Hintergrund mitorganisiert, Verantwortung übernimmt und dafür sorgt, dass genau dieses Erleben für andere möglich wird.

Der Kulturkosmos beschreibt als gemeinsames Ziel den Versuch, einem Ideal von selbstbestimmtem Leben abseits kapitalistischer Zwänge näherzukommen und Utopien im Hier und Jetzt erlebbar zu machen. Gleichzeitig wird deutlich, wie stark dieses Projekt von Zeitspenden, kollektiven Prozessen und ehrenamtlicher Arbeit getragen wird. Genau diese Mischung aus Idealismus, Widersprüchen, Improvisation und gemeinsamer Verantwortung spürt man auf der Fusion überall.
Learning 1: Demokratische Prozesse brauchen Entscheidungsrollen
Ein groĂźes Learning begann schon vor dem Festival.
Wir hatten uns als Orga-Team für so ein großes Team maximale Transparenz gewünscht. Das klingt erstmal richtig und wichtig. Gerade im Ehrenamt, wo Menschen freiwillig Zeit, Energie und Herzblut investieren, möchte man niemanden übergehen. Man möchte beteiligen, erklären, mitnehmen.
Im Laufe der Wochen entstanden Unstimmigkeiten. Nicht, weil wir uns grundsätzlich nicht mochten. Im Gegenteil. Ich glaube, wir hatten alle gute Absichten. Aber genau das reicht in komplexen Situationen nicht aus.
Je mehr Entscheidungen dazukamen, desto schwieriger wurden unsere demokratischen Prozesse. Manche Menschen in unserem Team arbeiten beruflich viel in Teams, andere entscheiden im Alltag eher allein. Manche brauchen früh klare Deadlines und Strukturen. Andere funktionieren besser kurz vor knapp. Manche denken strategisch, andere sehr pragmatisch. Und plötzlich trifft all das in einem ehrenamtlichen Orga-Prozess aufeinander.
Rückblickend ist mein Learning sehr klar: Demokratische Prozesse sind wertvoll – aber sie ersetzen keine klare Verantwortungsstruktur.
Wir hätten von Anfang an eine Rolle gebraucht, bei der klar ist: Diese Person hält den Prozess zusammen, moderiert Entscheidungen und hat im Zweifel das letzte Wort. Nicht autoritär, nicht hierarchisch im schlechten Sinne, sondern als Entlastung für alle.
Ich habe diese Rolle immer wieder indirekt ĂĽbernommen. Aber genau das ist anstrengend, weil sie nicht sauber benannt war. Und wenn Rollen nicht benannt sind, entstehen Erwartungen im Nebel.
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Sätze aus diesem Einsatz: Harmonie ersetzt keine Entscheidungsarchitektur.
Learning 2: Ehrenamt braucht Struktur – gerade weil niemand bezahlt wird
Ein weiteres Thema waren Deadlines.
Wir hatten verantwortliche Personen in der Orga, und ich habe oft darauf vertraut, dass Dinge passieren. Aber wer kennt es nicht: Es gibt Menschen, die planen früh, und es gibt Menschen, die erledigen alles in letzter Sekunde. Ich gehöre eher zur ersten Gruppe. Ich brauche Struktur. Ich brauche Überblick. Ich habe einen hohen Anspruch an mich selbst und auch an Prozesse.
Im Ehrenamt treffen diese Welten besonders hart aufeinander. Denn niemand bekommt Geld. Niemand ist formal angestellt. Niemand kann einfach angewiesen werden. Gleichzeitig hängen an manchen Aufgaben echte Verantwortung, Sicherheit und Abläufe für viele Menschen.
Das ist ein Spannungsfeld, das mich sehr beschäftigt.
Denn ja, Ehrenamt darf nicht wie ein Konzern funktionieren. Es lebt von Freiheit, Motivation und intrinsischem Antrieb. Aber sobald ein Einsatz dieser Größe organisiert wird, braucht es Prozesse, Dokumentation, klare Zuständigkeiten und Verbindlichkeit.
Oder anders gesagt: Ehrenamt scheitert nicht an fehlender Motivation, sondern oft an fehlender Struktur.
Und das meine ich nicht als Vorwurf. Sondern als Einladung, solche Strukturen liebevoll und realistisch zu gestalten. Gerade weil Menschen ihre Zeit schenken, sollten wir es ihnen so einfach wie möglich machen, gut zusammenzuarbeiten.
Learning 3: Diversität ist kein Buzzword, sondern gelebte Menschenkenntnis
Was ich an eclipse liebe: Dort kommen Menschen zusammen, die im Alltag vermutlich nicht alle im selben Raum landen wĂĽrden.
Medizin, Psychologie, Pädagogik, Naturwissenschaften, Feierkultur, Spiritualität, Therapieerfahrung, Krisenarbeit, Awareness, Subkultur – alles trifft aufeinander. Und genau dadurch entsteht ein unglaublich breites Erfahrungswissen.
Für mich ist das einer der größten Werte dieses Ehrenamts. Ich lerne jedes Mal neue Perspektiven kennen. Ich lerne, wie unterschiedlich Menschen kommunizieren, entscheiden, Stress verarbeiten, Verantwortung übernehmen oder Nähe zulassen. Ich lerne, wie Teams funktionieren, wenn sie nicht aus einer homogenen Berufsgruppe bestehen.
Diese Erfahrungen fließen auch in meine tägliche Arbeit ein. Als UX-Designerin beschäftige ich mich ohnehin mit Menschen, Bedürfnissen, Kontexten und Systemen. Aber solche Einsätze geben mir noch einmal eine ganz andere Tiefe. Sie schärfen meine Intuition. Meine Menschenkenntnis. Mein Verständnis dafür, dass Verhalten immer kontextabhängig ist.
Diversität ist hier kein hübsches Wort für eine Präsentation. Sie ist manchmal anstrengend, manchmal herausfordernd, manchmal wunderschön – aber vor allem real.
Learning 4: Verantwortung zeigt sich, wenn niemand mehr Zeit zum Diskutieren hat
Einer der stärksten Momente war für mich die Evakuierung.
Einige von uns hatten zusätzlich die Rolle als Ordner:in. Meine Aufgabe war es, Menschen zu Sammelpunkten zu leiten, Zelte zu öffnen, zu schauen, ob noch Personen darin lagen, Wege freizuhalten, Sammelpunkte zu koordinieren und den Backstage-Bereich abzusichern.
Und dann kam diese Situation, in der plötzlich nicht mehr diskutiert wird. Man hat eine Aufgabe bekommen – und dann macht man sie.
Ich war ĂĽberrascht, wie ruhig ich in diesem Moment war. Nicht, weil ich keine Anspannung gespĂĽrt habe. NatĂĽrlich wusste ich nicht, wie die Situation ausgeht. Aber fĂĽr mich war klar: Ich habe eine Verantwortung ĂĽbertragen bekommen, also erfĂĽlle ich sie.
Spannend waren die Reaktionen der Gäste. Viele waren kooperativ. Einige wirkten gelähmt. Manche hatten Angst. Andere wollten „nur noch schnell“ ihr Handy holen, Wasser mitnehmen oder ihren Reisepass suchen.
Im ersten Moment hat mich das genervt. Sehr sogar. Aber mit etwas Abstand sehe ich darin vor allem menschliche Stressreaktionen. In Ausnahmesituationen reagieren Menschen nicht immer rational. Manche wollen Kontrolle zurĂĽckgewinnen, indem sie sich an kleinen Dingen festhalten. Ein Handy. Eine Tasche. Ein Gegenstand, der Sicherheit symbolisiert.
Und trotzdem zeigt so eine Lage auch, wie wichtig klare Kommunikation ist. Menschen brauchen Orientierung. Sie brauchen einfache Ansagen. Sie brauchen Ruhe.
Für mich war das ein sehr starkes Bild: Einige Menschen werden handlungsfähig, andere erstarren, wieder andere verlieren sich in Details. Genau deshalb braucht es Rollen, Vorbereitung und Menschen, die in solchen Momenten ruhig bleiben können.
Learning 5: Krisen löst man nicht allein – man sucht Verbündete
Ein weiterer prägender Moment war der Hitzenotstand.
Wir hatten auf dem Gelände verschiedene Rückzugsorte: Eine Jurte mit Matten, in der Menschen sich entspannen und ausruhen konnten, sowie zwei SG20-Zelte. SG20 steht für Sanitäts- und Aufenthaltszelte. Dort betreuen wir Personen, die mehr Abstand von Reizen brauchen. Bei uns bekommen Menschen Tee, Wasser, Obst und Begleitung, damit sie wieder regenerieren können.

Doch eines dieser Zelte wurde schlicht zu heiß. Wir hatten nicht genügend Klimageräte, und irgendwann war klar: Das ist so nicht mehr verantwortbar.
Die Sanis brachten uns zunächst Menschen, aber irgendwann waren auch wir am Limit. Genau in diesem Moment zeigte sich, wie wertvoll gute Schnittstellen sind. Es gab ein kurzes Krisenmeeting, die Lage wurde ruhig eingeschätzt, und Dr. Gernot Rücker kümmerte sich persönlich darum, dass ein Hangar zur Verfügung gestellt wurde. Rücker ist seit vielen Jahren ärztlicher Leiter des Fusion-Festivals und wurde in der Berichterstattung zur diesjährigen Hitzelage ebenfalls als zentraler Ansprechpartner der medizinischen Versorgung vor Ort genannt.
Dieser Hangar war kühl. Für uns war dort nur eine kleinere Fläche verfügbar, weil die Sanis mehr Raum für überhitzte Menschen brauchten. Aber genau diese Lösung entspannte die Lage.
FĂĽr mich war das gelebtes Leadership.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Nicht ego-getrieben. Sondern klar, ruhig und lösungsorientiert.
Eine Situation kippt – Menschen kommen zusammen – jemand übernimmt Verantwortung – ein Raum wird geschaffen.
So einfach klingt es im Nachhinein. So wichtig ist es im Moment.
Learning 6: Psychologische Sicherheit entsteht durch ehrliche Kommunikation
Ein Thema, das mich schon länger beschäftigt, ist psychologische Sicherheit. Also die Frage: Wann fühlen sich Menschen sicher genug, ehrlich zu sein, Fehler anzusprechen, sich verletzlich zu zeigen oder um Hilfe zu bitten?
Bei eclipse und in ähnlichen Communitys beobachte ich immer wieder etwas Spannendes: Viele Menschen maskieren weniger. Gerade in Kontexten, in denen sich viele neurodivergente Menschen bewegen, erlebe ich oft mehr Direktheit, mehr Ehrlichkeit, weniger Fassade.
Das kann anstrengend sein. Keine Frage. Radikale Ehrlichkeit ist nicht immer bequem. Aber sie kann eine unglaubliche Kraft entfalten, wenn sie mit Wertschätzung verbunden ist.
Ich habe auf solchen Einsätzen oft das Gefühl, mich weniger verstellen zu müssen. Ich darf direkt sein. Ich darf intensiv sein. Ich darf müde sein. Ich darf klar sagen, wenn etwas nicht funktioniert. Und andere dürfen das auch.
Natürlich läuft dadurch nicht automatisch alles harmonisch. Im Gegenteil: Ehrlichkeit bringt Konflikte manchmal schneller an die Oberfläche. Aber genau das ist auch eine Chance.
Denn psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass immer alles angenehm ist. Sie bedeutet, dass Dinge ausgesprochen werden können, bevor sie im Hintergrund eskalieren.
Das nehme ich auch in meine Arbeitswelt mit. Teams brauchen keine perfekte Harmonie. Sie brauchen Vertrauen, Klarheit und die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten.
Learning 7: Inklusion beginnt dort, wo BedĂĽrfnisse nicht sichtbar sind
Ein Learning, das mich besonders gefreut hat, war das Thema Inklusion.
Auf der Fusion gibt es schon seit vielen Jahren ein Rolli-Camp. Das barrierefreie Camp auf dem Festival ist ein zentral gelegener, asphaltierter und mit Bodenplatten ausgelegter Bereich. Es bietet eine barrierefreie Infrastruktur, verfügt über Strom und Kühlmöglichkeiten (z. B. für Medikamente) und ist mit einer kleinen Crew besetzt.
Beim Einlass habe ich Schilder mit Sonnenblumen gesehen und vereinzelt auch Personen mit entsprechenden Schlüsselbändern. Das hat mich sehr berührt.

Die Sonnenblume, auch Hidden Disabilities Sunflower, ist ein internationales Erkennungszeichen für nicht sichtbare Behinderungen und chronische Erkrankungen. Wer das Symbol trägt, signalisiert diskret, dass er oder sie möglicherweise mehr Zeit, Verständnis oder Unterstützung benötigt.
Gerade auf einem Festival ist das enorm wichtig. Denn Festivals sind intensive Orte: Laut, voll, heiß, unübersichtlich, emotional, körperlich fordernd. Nicht jede Belastung ist sichtbar. Nicht jede Grenze sieht man einem Menschen an.
FĂĽr mich steckt darin ein zentraler UX-Gedanke: Inklusion beginnt nicht erst bei Rampen. Sie beginnt dort, wo wir akzeptieren, dass BedĂĽrfnisse unterschiedlich und oft unsichtbar sind.
Das gilt auf Festivals genauso wie in digitalen Produkten, Teams oder Arbeitsumgebungen.
Learning 8: Freiheit braucht FĂĽrsorge
Was mich an der Fusion immer wieder fasziniert, ist dieses Spannungsfeld aus Freiheit und Struktur.
Auf der einen Seite gibt es diese unglaubliche Offenheit. Menschen dĂĽrfen sein. Tanzen. Schlafen. Reden. Schweigen. Sich ausprobieren. Sich verlieren. Sich wiederfinden.
Auf der anderen Seite braucht genau diese Freiheit eine enorme Menge an unsichtbarer Arbeit. Sanis, Security, Crews, Awareness, PsyCare, Orga, Technik, Wasser, Infrastruktur, Kommunikation, Notfallpläne, Sammelpunkte, Rückzugsorte.
Freiheit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Menschen, die Verantwortung ĂĽbernehmen.
Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Wochenende: Gute Erlebnisse entstehen nicht dadurch, dass alles frei ist. Sie entstehen, wenn Freiheit gehalten wird.
Gehalten durch Strukturen. Durch FĂĽrsorge. Durch Menschen, die im Hintergrund mitdenken.
Learning 9: Orga ist wichtig – aber der direkte Kontakt fehlt mir
So wertvoll die Orga-Rolle ist, ich habe auch gemerkt: Mir fehlt die direkte PsyCare-Arbeit.
Wenn man organisiert, bekommt man viel mit – aber oft nicht das unmittelbare Feedback. Man plant, koordiniert, löst Probleme, schreibt Nachrichten, hält Schnittstellen zusammen. Das ist wichtig. Ohne Orga läuft nichts.
Aber die Momente, die mich emotional am meisten nähren, entstehen oft im direkten Kontakt. In einer PsyCare-Schicht. Am Infostand. In einem Gespräch. In einem ehrlichen Danke. In dem Gefühl: Genau dafür mache ich das.
Nächstes Mal möchte ich deshalb auf jeden Fall wieder eine PsyCare-Schicht machen oder am Infostand mitarbeiten. Nicht, weil Orga weniger wertvoll ist. Sondern weil ich diesen direkten Kontakt brauche, um mich wieder mit dem Sinn der Arbeit zu verbinden.
Learning 10: Nach dem Einsatz ist vor der Prozessoptimierung
NatĂĽrlich gab es auch wieder Themen, die wir dringend verbessern mĂĽssen. Ganz vorne: Schichtplanung und Rekrutierung.
Ein leidiges Thema, Jahr für Jahr. Und trotzdem eines der wichtigsten. Denn wenn Teams zu spät vollständig sind, wenn Schichten unklar sind oder Informationen nicht gut fließen, entsteht Stress an Stellen, an denen wir ihn eigentlich vermeiden könnten.
Gerade nach so einem Einsatz ist die Versuchung groß, erstmal alles ruhen zu lassen. Verständlich. Alle sind müde. Alle brauchen Pause. Aber genau dann sind die Learnings noch frisch.
Nächster Schritt: Direkt nach dem Einsatz reflektieren, dokumentieren, Prozesse anpassen. Nicht perfekt. Aber konkret.
Was hat funktioniert?
Was hat unnötig Energie gekostet?
Wo fehlten Rollen?
Wo fehlte Kommunikation?
Was können wir dem nächsten Orga-Team leichter machen?
Das ist fĂĽr mich gelebte Weiterentwicklung.
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Warum ich es trotzdem wieder machen wĂĽrde
Ich bin erschöpft, stolz und dankbar nach Hause gekommen.
Erschöpft, weil dieser Einsatz körperlich und mental unglaublich fordernd war. Stolz, weil wir trotz extremer Bedingungen sehr viel sehr gut hinbekommen haben. Dankbar, weil ich wieder erleben durfte, was möglich ist, wenn Menschen Verantwortung füreinander übernehmen.
Ja, es gab Momente, in denen ich dachte: Das war zu viel. Besonders bei der zweiten Evakuierung. Aber es gab auch diese anderen Momente: Positives Feedback aus dem Team, vertraute Gesichter, Menschen, die man nur auf Einsätzen trifft und mit denen man sich trotzdem sofort verbunden fühlt.
Genau dafĂĽr mache ich das.
Nicht, weil alles perfekt läuft. Sondern weil es echt ist.
Weil man in kurzer Zeit so viel bewegen kann.
Weil man Menschen in verletzlichen Momenten begegnet.
Weil man lernt, wie Teams wirklich funktionieren.
Weil man Verantwortung nicht theoretisch diskutiert, sondern praktisch erlebt.
Weil Community nicht nur ein Wort ist, sondern eine Erfahrung.
Ich danke dem gesamten eclipse-Team von Herzen. Danke an Dr. Gernot Rücker und alle Mediziner:innen auf dem Gelände für euren Einsatz. Danke an die Fusion, den Kulturkosmos, die Security, die vielen Crews und natürlich die Gäste vor Ort.
Die Fusion ist und bleibt ein Teil von mir.
Und vielleicht ist genau das mein größtes Learning:
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‍Manchmal lernen wir am meisten über Leadership nicht in Seminarräumen, sondern in Momenten, in denen es heiß ist, laut ist, unübersichtlich wird – und trotzdem Menschen füreinander da sind.
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