Buchreflexion: Wer ist hier eigentlich autistisch? Ein Perspektivwechsel

Wer ist hier eigentlich autistisch?
Was Brit Wilczeks Buch mit meinem Blick auf mich selbst, UX und unsere Arbeitswelt gemacht hat
Autorin: Brit Wilczek
Erschienen: 2.,aktualisierte Auflage 2023
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Meine persönliche Buchreflexion zu „Wer ist hier eigentlich autistisch? Ein Perspektivwechsel“
Eine Kollegin empfahl mir das Buch Wer ist hier eigentlich autistisch? Ein Perspektivwechsel. Allein der Titel hat mich sofort neugierig gemacht. Also bestellt, angefangen zu lesen – und ziemlich schnell gemerkt: Das wird keine leichte Lektüre.
Ich kann gleich vorwegnehmen, dass ich das Buch stellenweise etwas zäh fand. Gerade einige theoretische Passagen waren für mich nicht immer einfach zu lesen. Gleichzeitig hat es erstaunlich viel in mir ausgelöst.
Brit Wilczek ist psychologische Psychotherapeutin und arbeitet seit vielen Jahren mit autistischen Menschen. Dadurch unterscheidet sich das Buch von vielen Erfahrungsberichten, die ich sonst zu diesem Thema wahrnehme. Hier erzählt keine betroffene Person ihre eigene Lebensgeschichte, sondern eine Therapeutin blickt aus ihrer professionellen Erfahrung auf unterschiedliche Arten, die Welt wahrzunehmen.
Und irgendwann habe ich beim Lesen nicht mehr nur ĂĽber Autismus nachgedacht. Sondern ĂĽber mich.
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Bin ich vielleicht selbst autistisch?
Diese Frage ist beim Lesen tatsächlich entstanden und sie beschäftigt mich noch immer.
Ich habe mich an erstaunlich vielen Stellen wiedererkannt: in meinem starken Bedürfnis nach Struktur und Routinen, meiner intensiven Wahrnehmung von Emotionen und Spannungen, meiner Geräuschempfindlichkeit, meinem Drang, Dinge konsequent durchzuziehen, und meiner Art, Informationen zu sammeln, zu verknüpfen und gleichzeitig zu strukturieren.
Bedeutet das, dass ich autistisch bin? Ich weiß es nicht. Und je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto vorsichtiger werde ich mit schnellen Antworten.
An einer Stelle begegnete mir beim Lesen auch Tony Attwood. Er ist ein britischer klinischer Psychologe, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit Autismus beschäftigt und insbesondere durch seine Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum bekannt geworden ist.
Ein Gedanke, der bei mir in diesem Zusammenhang hängen geblieben ist: Einzelne Eigenschaften ergeben noch kein Gesamtbild. Das klingt eigentlich selbstverständlich. Und trotzdem hatte ich beim Lesen immer wieder diesen Reflex: Oh, das kenne ich auch. Gefolgt von: Moment – aber bedeutet es bei mir überhaupt dasselbe?
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Fragen, die mir das Buch mitgegeben hat. Nicht: Welches Label passt zu einem einzelnen Verhalten? Sondern: Warum verhält sich ein Mensch so? Was steckt dahinter? Und wie erlebt diese Person die Situation selbst?
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Wie unterschiedlich nehmen wir unsere Umwelt eigentlich wahr?
Besonders viel habe ich über meine eigene Wahrnehmung nachgedacht. Geräusche sind dafür bei mir ein gutes Beispiel.
Ich bekomme Gespräche, Hintergrundgeräusche oder Geräusche aus der Nachbarwohnung sehr intensiv mit. Einfach ausblenden funktioniert für mich kaum. In einem Café oder Zug konzentriert ein Buch zu lesen? Ohne Kopfhörer oder Musik ist das für mich unmöglich.
Interessanterweise kann mich gleichzeitig sehr monotone elektronische Musik beruhigen. Techno oder Goa funktionieren für mich teilweise besser als vermeintliche Ruhe, weil sie andere Geräusche überdecken und eine gleichmäßige Struktur erzeugen.
Auch visuell liebe ich Ordnung: klare Räume, klare Oberflächen, Details und Systeme, bei denen ich schnell verstehe, wie Dinge zusammenhängen.
Über meine Geräuschempfindlichkeit und darüber, warum unterschiedliche Menschen unterschiedliche Arbeitsbedingungen brauchen, habe ich bereits in meinem Artikel „Flexibilität am Arbeitsplatz: Was wirklich zählt“ geschrieben.
Großraumbüros können für mich unglaublich anstrengend sein. Was für andere einfach Büroatmosphäre ist, kostet mich teilweise enorm viel Konzentration. Beim Lesen musste ich deshalb immer wieder über eine eigentlich simple Frage nachdenken: Wie unterschiedlich können zwei Menschen exakt denselben Raum erleben?
Für einen Menschen ist es ein normales Büro. Für einen anderen ein permanentes Feuerwerk aus Gesprächen, Bewegungen, Geräuschen und Unterbrechungen. Keiner von beiden erlebt den Raum falsch. Sie erleben ihn unterschiedlich.
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Meine Emotionen funktionieren manchmal auf voller Lautstärke
Auch über Emotionen habe ich beim Lesen viel nachgedacht. Ich nehme Spannungen zwischen Menschen häufig sehr schnell wahr. Manchmal spüre ich sofort, dass in einem Raum „etwas nicht stimmt“, obwohl ich noch überhaupt nicht erklären kann, was genau passiert ist. Das kann mich lange beschäftigen.
Gleichzeitig können mich auch positive Emotionen regelrecht überrollen. Wenn ich sehr persönliches positives Feedback bekomme, passiert es mir manchmal, dass mir unmittelbar die Tränen kommen. Nicht weil ich traurig bin, sondern weil die Emotion einfach sofort da ist – auf voller Lautstärke.
Lange fand ich solche Reaktionen vor allem anstrengend. Heute versuche ich stärker zu verstehen, welche Situationen etwas in mir auslösen und welche Strategien mir helfen.
Auch hier beantwortet das Buch für mich nicht die Frage: „Dann bist du also autistisch.“ Es hat vielmehr neue Fragen geöffnet. Und vielleicht ist genau das der größere Wert.
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Wiedererkennen bedeutet noch lange nicht verstehen
Dieser Gedanke beschäftigt mich auch über das Buch hinaus. Wir Menschen vergleichen andere permanent mit uns selbst. Jemand erzählt von einer Erfahrung und wir denken: Das kenne ich auch. Damit entsteht schnell das Gefühl, die andere Person zu verstehen.
Aber tun wir das wirklich?
Ähnliches Verhalten kann vollkommen unterschiedliche Gründe haben. Und genau deshalb denke ich inzwischen auch kritischer über Social Media nach. Dort begegnen mir immer häufiger Reels, Posts und Listen über Autismus, ADHS, Hochsensibilität oder Neurodivergenz.
Ein Mensch gibt einen sehr kleinen Einblick in sein Leben und beschreibt vielleicht drei oder vier Eigenschaften. Darunter stehen dann schnell Kommentare wie: „Das habe ich auch!“
Ich verstehe diesen Impuls inzwischen sehr gut, denn ich hatte ihn beim Lesen dieses Buches selbst ständig. Aber ein kurzer Ausschnitt aus dem Leben eines anderen Menschen ist eben genau das: ein Ausschnitt.
Problematisch wird es fĂĽr mich dort, wo daraus ein Schwarz-WeiĂź-Denken entsteht: autistisch oder nicht autistisch, neurodivergent oder neurotypisch, normal oder anders. Menschen sind aber keine Checkliste. Und vielleicht hilft uns diese starke Kategorisierung manchmal weniger dabei, uns gegenseitig zu verstehen, als wir glauben.
Seitdem beschäftigt mich eine andere Frage: Wie wäre eine Welt, in der Menschen keine Diagnose brauchen, damit ihre Bedürfnisse ernst genommen werden?
Wenn jemand sagen könnte: „Großraumbüros überfordern mich“, „Ich brauche klare Kommunikation“, „Spontane Veränderungen stressen mich“ oder „Ich brauche Zeit, um Informationen zu verarbeiten“ – und die Antwort wäre nicht: „Warum? Hast du dafür eine Diagnose?“, sondern: „Okay. Was brauchst du, damit es für dich funktioniert?“
Damit möchte ich Diagnosen keineswegs infrage stellen. Für Menschen können sie wichtig sein, um sich selbst besser zu verstehen, Erlebtes einzuordnen oder passende Unterstützung zu bekommen. Aber warum brauchen wir manchmal erst ein Label, damit ein Bedürfnis legitim wird?
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Was mir meine ADHS-Diagnose gebracht hat
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass eine Diagnose sehr hilfreich sein kann. Ich habe eine ADHS-Diagnose – und für mich hat sie einiges verändert.
Nicht, weil ich seitdem ein anderer Mensch bin, sondern weil ich bestimmte Verhaltensweisen besser einordnen kann. Sie hat mir geholfen, selbstbewusster für Dinge einzustehen, die ich brauche, und weniger das Gefühl zu haben, mich ständig dafür rechtfertigen zu müssen. Manche Dinge bekommen plötzlich einen Kontext und allein das kann unglaublich entlastend sein.
Bei Autismus empfinde ich die Frage nach einer offiziellen Diagnose allerdings komplizierter. Denn eine Diagnose bringt nicht nur Klarheit. Sie wird Teil der medizinischen Dokumentation und kann in bestimmten Lebensbereichen relevant werden – beispielsweise bei gesundheitlichen Eignungsprüfungen für bestimmte Tätigkeiten, beim Abschluss privater Versicherungen oder bei der Einwanderung in einzelne Länder.
Das bedeutet nicht, dass eine Autismusdiagnose automatisch einen bestimmten Beruf ausschließt oder Auswandern unmöglich macht. Solche Fragen werden wesentlich differenzierter und individuell beurteilt. Trotzdem sind mögliche Konsequenzen ein Aspekt, über den man nachdenken sollte.
Daraus entsteht für mich ein merkwürdiger Widerspruch: Eine Diagnose kann mir helfen, mich selbst besser zu verstehen und selbstbewusster für meine Bedürfnisse einzustehen. Gleichzeitig kann genau dieses Label an anderer Stelle plötzlich relevant werden oder sogar Nachteile mit sich bringen.
Wie schön wäre eine Welt, in der ich keine Diagnose bräuchte, um sagen zu dürfen: Das überfordert mich. Ich brauche mehr Struktur. Ich kann hier nicht konzentriert arbeiten. Ich brauche einen anderen Weg.
Meine ADHS-Diagnose möchte ich nicht missen. Ob mir eine Autismusdiagnose dieselbe Klarheit geben würde, weiß ich heute noch nicht. Vielleicht ist genau das eine der Fragen, die nach diesem Buch offenbleiben dürfen.
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Warum ich plötzlich über meine Haustür nachgedacht habe
Das Buch hat mich auch dazu gebracht, Verhaltensweisen genauer anzuschauen, die ich bisher einfach als „typisch ich“ abgespeichert hatte. Zum Beispiel meine Haustür.
Seit vielen Jahren kontrolliere ich Türen. Wenn ich eine Tür selbst abschließe, kann es passieren, dass ich danach plötzlich unsicher werde, ob sie tatsächlich abgeschlossen ist. Dann gehe ich noch einmal zurück. Und manchmal noch einmal. Viermal. Achtmal. Treppe hoch, kontrollieren, wieder runter – und trotzdem kann dieses ungute Gefühl bleiben.
Das stresst mich enorm. Inzwischen versuche ich solche Situationen teilweise zu umgehen, indem beispielsweise eine andere Person nach mir die TĂĽr abschlieĂźt.
NatĂĽrlich kam beim Lesen irgendwann die Frage auf: Hat dieses wiederholte Verhalten etwas mit Autismus zu tun?
Aber genau an solchen Stellen merke ich inzwischen, wie vorsichtig ich mit meiner eigenen Interpretation sein möchte. Mein Türkontrollieren fühlt sich für mich nicht wie etwas Beruhigendes an. Es fühlt sich nach Unsicherheit an, nach dem Bedürfnis, wirklich sicher zu sein, und nach dem unangenehmen Gefühl, meiner eigenen Erinnerung in diesem Moment nicht vollständig vertrauen zu können.
Ich weiĂź nicht, was dahintersteckt. Aber ich beobachte es heute bewusster. Und vielleicht ist genau das bereits ein Gewinn dieser Auseinandersetzung: Nicht sofort eine Antwort finden zu mĂĽssen, sondern bessere Fragen an sich selbst zu stellen.
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Mein Gehirn als Browser mit sehr vielen Tabs
Noch an einer anderen Stelle musste ich über mich selbst schmunzeln. Mein Kopf verknüpft ständig Informationen miteinander. Eine Information führt zur nächsten, eine Idee öffnet fünf weitere Gedanken. Ich lese etwas, entdecke einen neuen Begriff und lande wenige Minuten später ganz woanders.
Mein digitales Leben sieht entsprechend aus. Ich habe häufig Safari, Chrome und Edge gleichzeitig geöffnet und verteile Themen auf die unterschiedlichen Browser. Dazu kommen sehr viele Tabs und Browser-Ordner mit Kategorien, in denen ich Websites speichere, weil ich sie irgendwann noch einmal lesen möchte.
Natürlich lese ich viele davon nie wieder. Aber löschen? Schwierig.
Ich habe einerseits einen enormen Informationshunger und gleichzeitig das Bedürfnis, diese Informationen zu sortieren. Je mehr dazukommt, desto stärker scheint mein Bedürfnis nach Struktur zu werden.
Auch das finde ich inzwischen spannend zu beobachten. Nicht, weil ich daraus eine Diagnose ableiten möchte, sondern weil ich mich frage: Warum funktioniert mein Denken eigentlich so?
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Erst verstehen. Dann entscheiden.
Dieses Bedürfnis nach Struktur und Verständnis spielt auch in meiner Arbeit eine große Rolle. Wenn ich an einem komplexen Problem arbeite, möchte ich nicht einfach irgendetwas bauen und anschließend schauen, was passiert. Das würde mich wahnsinnig machen.
Ich möchte verstehen:
Was ist eigentlich das Problem?
Welche Zusammenhänge gibt es?
Welche BedĂĽrfnisse stehen dahinter?
Welche Informationen fehlen uns?
Arbeiten wir ĂĽberhaupt am richtigen Thema?
Was mich dagegen genauso wahnsinnig machen kann, sind Endlosschleifen: Meetings ohne klares Ziel, Diskussionen, die nach einer Stunde wieder dort angekommen sind, wo sie angefangen haben, oder Entscheidungen, die zum fĂĽnften Mal diskutiert werden, obwohl keine neuen Informationen hinzugekommen sind.
Für mich sind Gründlichkeit und endloses Diskutieren zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Mein Prinzip wäre eher: Erst verstehen. Dann entscheiden.
Analyse darf Zeit brauchen. Gerade im UX Design müssen wir aufpassen, nicht sofort in den Lösungsraum zu springen, bevor wir überhaupt verstanden haben, welches Problem wir lösen wollen. Aber irgendwann wissen wir genug. Dann braucht es auch den Mut, eine Entscheidung zu treffen.
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Und plötzlich sind wir mitten in UX
Genau an diesem Punkt wurde das Buch fĂĽr mich beruflich besonders interessant. Denn UX beginnt fĂĽr mich mit einer Erkenntnis, die eigentlich ganz einfach klingt: Meine eigene Wahrnehmung ist nicht der Standard.
Nur weil ich ein Interface verstehe, bedeutet das nicht, dass andere Menschen es verstehen. Nur weil ich Informationen problemlos verarbeiten kann, bedeutet das nicht, dass sie für alle verständlich aufbereitet sind. Und nur weil ich eine bestimmte Arbeitsumgebung aushalte, bedeutet das nicht, dass sie für jemand anderen funktioniert.
Genau deshalb machen wir Research, beobachten Menschen und testen Produkte. Wir versuchen herauszufinden, was passiert, wenn wir einmal nicht von uns selbst ausgehen.
Und hier sehe ich plötzlich eine viel größere Verbindung zwischen meiner Arbeit und dem Perspektivwechsel, den dieses Buch bei mir ausgelöst hat.
Warum fällt es uns bei digitalen Produkten teilweise leichter, unterschiedliche Bedürfnisse anzuerkennen, als bei den Menschen, mit denen wir jeden Tag zusammenarbeiten?
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Andere Denkweisen sind eine Ressource
Ich glaube fest daran, dass wir unterschiedliche Denkweisen in Teams brauchen. Nicht, weil Diversity auf einer Präsentationsfolie gut aussieht, sondern weil unterschiedliche Menschen unterschiedliche Dinge sehen.
Eine Person erkennt Muster, die anderen entgehen. Eine andere hinterfragt einen Prozess, den alle längst akzeptiert haben. Jemand stellt die Frage, die niemand stellen wollte: Warum machen wir das eigentlich so?
Genau das verstehe ich unter „Thinking out of the Box“. Nicht einfach möglichst viele wilde Ideen produzieren, nicht Analyse überspringen und schon gar nicht hektisch etwas bauen, nur um möglichst schnell ein Ergebnis präsentieren zu können. Sondern die Box selbst zu hinterfragen.‍
Warum gibt es diesen Prozess?
Für wen funktioniert unsere Lösung?
FĂĽr wen nicht? Welche Annahmen behandeln wir gerade wie Fakten?
Welche Perspektive fehlt uns?
Und diskutieren wir gerade wirklich noch, weil uns Informationen fehlen – oder nur, weil niemand eine Entscheidung treffen möchte?
Gerade im UX Design halte ich diese Vielfalt im Denken für unglaublich wertvoll. Innovation entsteht für mich nicht dadurch, dass zehn Menschen mit möglichst ähnlichen Erfahrungen dieselbe Situation auf dieselbe Weise betrachten.
Wir brauchen Menschen, die anders fragen, anders analysieren, andere Zusammenhänge erkennen und manchmal einfach den Mut haben zu sagen: Warum eigentlich?
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Vielleicht mĂĽssen wir unsere Arbeitswelt anders betrachten
Das Buch hat deshalb auch meinen Blick auf die Arbeitswelt noch einmal verändert. Wir diskutieren immer wieder darüber, ob Menschen im Büro oder im Homeoffice produktiver sind. Vielleicht ist bereits diese Frage zu pauschal.
Menschen funktionieren unterschiedlich. Manche brauchen den Austausch mit anderen, andere Ruhe. Manche entwickeln Gedanken am besten im Gespräch, andere müssen Informationen zuerst für sich verarbeiten. Manche lieben spontane Brainstormings, andere arbeiten besser, wenn sie vorher wissen, worum es überhaupt gehen soll.
Warum versuchen wir daraus immer wieder eine richtige Arbeitsweise abzuleiten?
Menschenzentriertes Arbeiten müsste für mich eigentlich etwas anderes bedeuten: Bedingungen zu schaffen, in denen unterschiedliche Menschen gut arbeiten können. Das gilt für Arbeitsorte genauso wie für Meetings, Kommunikation, Führung und digitale Produkte.
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Warum beschäftigt sich meine Bubble gerade so stark mit Neurodivergenz?
Diese Frage ist während und nach dem Lesen immer wieder aufgetaucht. Warum sprechen plötzlich so viele Menschen in meinem Umfeld über Autismus, ADHS, Hochsensibilität oder Neurodivergenz?
Ist das ein Trend? Sind wir heute einfach sensibilisierter? Oder finden Menschen gerade Begriffe fĂĽr Dinge, die sie vielleicht schon ihr ganzes Leben begleiten?
Und dann kam mir noch ein anderer Gedanke: Hat vielleicht auch die KI-Welle etwas damit zu tun?
Wir erleben gerade, wie rasant sich Arbeit verändert. KI kann Texte schreiben, Informationen verdichten, Varianten erzeugen, Prozesse beschleunigen und immer mehr Aufgaben übernehmen, die lange als klassische Wissensarbeit galten.
Vielleicht merken wir genau dadurch stärker, was menschliche Zusammenarbeit eigentlich wertvoll macht. Nicht, dass alle möglichst ähnlich denken, sondern dass Menschen unterschiedlich denken. Dass jemand eine Verbindung sieht, auf die niemand anderes gekommen wäre. Dass jemand widerspricht. Dass jemand eine vermeintliche Selbstverständlichkeit infrage stellt. Und dass unterschiedliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Denkweisen aufeinandertreffen und daraus etwas Neues entsteht.
Neue Ideen entstehen selten ausschlieĂźlich aus alten Denkweisen.
Vielleicht wird Vielfalt im Denken gerade deshalb wichtiger – nicht trotz KI, sondern wegen ihr. Je mehr sich standardisieren und automatisieren lässt, desto wertvoller könnte das werden, was nicht einfach aus bestehenden Mustern reproduziert werden kann: Perspektivwechsel, menschliche Erfahrung, Empathie, Intuition und der Mut, eine andere Frage zu stellen.
Vielleicht erklärt das auch, warum Themen wie Neurodivergenz gerade in meiner Bubble so präsent sind. Wir beginnen möglicherweise stärker zu verstehen, dass Andersdenken kein Defizit sein muss, sondern eine Ressource sein kann.
Natürlich kenne ich die Antwort nicht. Vielleicht nehme ich das Thema gerade auch einfach stärker wahr, weil ich selbst begonnen habe, mich damit zu beschäftigen. Aber die Frage finde ich spannend:
Was, wenn wir in einer zunehmend von KI geprägten Arbeitswelt nicht weniger Unterschiedlichkeit brauchen – sondern mehr?
Und was, wenn die entscheidende Fähigkeit guter Teams zukünftig nicht darin besteht, möglichst reibungslos gleich zu denken, sondern darin, Unterschiede produktiv miteinander zu verbinden?
Für mich führt das zurück zu einer ganz persönlichen Frage: Was bringt mir die Auseinandersetzung mit Neurodivergenz eigentlich?
Muss am Ende unbedingt ein Label stehen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Im Moment hilft mir die Beschäftigung vor allem dabei, mich selbst genauer zu beobachten:
Warum brauche ich bestimmte Strukturen?
Warum kosten mich manche Situationen enorm viel Energie?
Warum vertiefe ich mich in manche Themen so stark?
Warum nehme ich bestimmte Dinge so intensiv wahr?
Und welche Bedingungen helfen mir dabei, meine Stärken einzusetzen, ohne mich ständig selbst zu überfordern?
Diese Fragen bleiben für mich wertvoll – unabhängig davon, ob ich irgendwann die Frage beantworten kann: Bin ich selbst autistisch?
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Was ich aus dem Buch mitnehme
- Wiedererkennen bedeutet noch keine Einordnung. Dass mir ein Verhalten bekannt vorkommt, bedeutet nicht automatisch, dass dahinter dieselbe Ursache steckt.
‍ - Meine Wahrnehmung ist nicht der Standard. Andere Menschen können exakt dieselbe Situation vollkommen anders erleben.
‍ - Verhalten verdient zunächst Neugier statt Bewertung. Bevor ich frage, warum jemand „so schwierig“ reagiert, kann ich versuchen zu verstehen, was diese Person gerade erlebt.
‍ - Unterschiedliche Denkweisen sind wertvoll. Gerade in UX und Produktentwicklung brauchen wir Menschen, die andere Muster sehen, Annahmen hinterfragen und neue Perspektiven einbringen.
‍ - Eine Diagnose kann stärken – aber sie ist nicht die Voraussetzung für ein legitimes Bedürfnis. Meine ADHS-Diagnose hat mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen. Gleichzeitig wünsche ich mir eine Welt, in der Menschen ihre Bedürfnisse nicht erst mit einem medizinischen Label begründen müssen.
‍ - Vielfalt könnte durch KI noch wichtiger werden. Je stärker wir Prozesse und Wissensarbeit automatisieren, desto wichtiger könnte die Fähigkeit werden, anders zu denken, neue Zusammenhänge zu erkennen und bestehende Annahmen infrage zu stellen.
‍ - Menschenzentrierung endet nicht am Interface. Wenn wir User Centricity ernst nehmen, sollten wir dieselbe Haltung auch gegenüber unseren Kolleg und unseren Arbeitswelten zeigen.
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Mein Fazit: Vielleicht ist genau das der Perspektivwechsel
Bin ich selbst autistisch? Ich weiß es nicht. Und ich merke, dass diese Frage nach dem Buch nicht einfach verschwunden ist. Vielleicht werde ich mich irgendwann noch intensiver damit beschäftigen.
Aber etwas anderes ist für mich inzwischen fast wichtiger: Ich schaue genauer hin. Auf meine Wahrnehmung, auf meine Bedürfnisse und auf Verhaltensweisen, die ich früher einfach als „typisch ich“ abgetan hätte.
Gleichzeitig versuche ich, auch bei anderen Menschen weniger schnell von mir selbst auszugehen.
Vielleicht sollten wir seltener denken: Warum ist diese Person so?
Und häufiger fragen: Was erlebt diese Person gerade, das ich nicht erlebe?
Für mich ist das eine ziemlich UX-nahe Frage. Vielleicht sogar eine der wichtigsten überhaupt. Denn gute User Experience beginnt für mich dort, wo wir aufhören, unsere eigene Wahrnehmung für den Standard zu halten.
Und vielleicht gilt genau das nicht nur fĂĽr Produkte, sondern fĂĽr Menschen insgesamt.
Vielleicht besteht unsere Aufgabe in Zukunft sogar noch stärker darin, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Arten zu denken nicht nur akzeptiert, sondern wirklich genutzt werden können.
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Wer ist hier also eigentlich autistisch?
Nach diesem Buch finde ich eine andere Frage fast spannender:
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Was halten wir eigentlich für normal – und warum?
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Hinweis: Diese Buchreflexion spiegelt meine persönliche Einordnung des Buches sowie meine eigenen Erfahrungen und Gedanken wider. Sie stellt weder eine medizinische noch eine diagnostische Einschätzung von Autismus dar. Alle Rechte am Originalwerk verbleiben bei der Autorin beziehungsweise beim Verlag.
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Ich freue mich auf unterschiedliche Perspektiven und den Austausch.
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Begriffserklärungen zum Schluss
Autismus-Spektrum
Der Begriff Autismus-Spektrum macht deutlich, dass Autismus sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Wahrnehmung, Kommunikation, soziale Interaktion, Routinen oder der Umgang mit Reizen können sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden. Einzelne Eigenschaften oder Verhaltensweisen reichen deshalb nicht aus, um daraus auf Autismus zu schließen.
Neurodivergenz
Neurodivergenz beschreibt neurologische Denk-, Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen, die von dem abweichen, was gesellschaftlich als neurotypisch gilt. Dazu werden beispielsweise Autismus, ADHS oder Dyslexie gezählt. Der Begriff richtet den Blick stärker auf Unterschiede als ausschließlich auf Defizite.
Neurotypisch
Als neurotypisch werden Menschen bezeichnet, deren neurologische Entwicklung und Verarbeitung weitgehend dem entsprechen, was gesellschaftlich als typisch oder erwartbar gilt. Auch neurotypische Menschen sind natürlich nicht alle gleich – der Begriff dient vor allem als Gegenbegriff zu neurodivergent.
Neurodiversität
Neurodiversität bezeichnet die Vielfalt unterschiedlicher neurologischer Denk- und Wahrnehmungsweisen innerhalb unserer Gesellschaft. Dahinter steht der Gedanke, dass Menschen Informationen, Reize, Kommunikation und soziale Situationen unterschiedlich verarbeiten – und dass diese Unterschiede Teil menschlicher Vielfalt sind.
Reizverarbeitung
Reizverarbeitung beschreibt, wie unser Gehirn Informationen aus der Umwelt aufnimmt, filtert und verarbeitet – etwa Geräusche, Licht, Berührungen, Gerüche oder Bewegungen. Menschen können dabei sehr unterschiedlich empfindlich sein. Was für eine Person kaum auffällt, kann für eine andere stark ablenkend oder belastend sein.
Stereotypien, Tics und Zwänge
Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Formen wiederkehrenden Verhaltens und sollten nicht gleichgesetzt werden. Stereotypien sind wiederholte Bewegungen oder Handlungen, die beispielsweise regulierend wirken können. Tics treten meist plötzlich und nur begrenzt kontrollierbar auf. Zwänge sind dagegen häufig mit einem starken inneren Druck oder mit Ängsten verbunden und werden ausgeführt, um diese Anspannung zu reduzieren. Ähnliche sichtbare Verhaltensweisen können also sehr unterschiedliche Ursachen haben.
Neuroinklusion
Neuroinklusion bedeutet, Umgebungen, Kommunikation und Prozesse so zu gestalten, dass Menschen mit unterschiedlichen neurologischen Bedürfnissen teilhaben und gut arbeiten können. Für mich ist das eng mit menschenzentriertem Design verbunden: Nicht alle Menschen müssen auf dieselbe Weise funktionieren – vielmehr sollten Systeme unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen.
Laterales Denken / „Thinking out of the Box“
Laterales Denken bedeutet, bestehende Annahmen bewusst zu hinterfragen und Probleme aus anderen Perspektiven zu betrachten. Es geht nicht darum, möglichst spontan zu handeln oder Analyse zu überspringen. Vielmehr können unterschiedliche Denkweisen dabei helfen, neue Zusammenhänge zu erkennen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen und Lösungen zu entwickeln, auf die ein homogen denkendes Team vielleicht nicht gekommen wäre.
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