Buchreflexion: Leben mit AuDHS – Wenn Autismus und ADHS zusammentreffen

Buchreflexion: Leben mit AuDHS – Wenn Autismus und ADHS zusammentreffen

Autor: Florian Malicke
Erschienen: 18.08.2026
Verlag: Yes Publishing

Florian Malicke ist Coach, Berater und Referent. Er begleitet neurodivergente Menschen und unterstützt Unternehmen bei Fragen rund um Neurodiversität und Inklusion. Er ist selbst Autist und hat ADHS. In seiner Arbeit verbindet er fachliches Wissen mit eigenen Erfahrungen.


Ăśber LinkedIn zum Buch

Auf Florian bin ich über LinkedIn aufmerksam geworden. Dort teilt er seine Erfahrungen mit Autismus und ADHS. Diese persönliche Perspektive hat mich neugierig auf sein Buch gemacht.

ADHS und Autismus haben mich dieses Jahr intensiv beschäftigt. Ich habe viel dazu gelesen und mich gefragt, was unterschiedliche Wahrnehmungs- und Arbeitsweisen für unseren Alltag und unsere Zusammenarbeit bedeuten. „Leben mit AuDHS“ hat diese Lektüre um den Blick auf das gemeinsame Auftreten von Autismus und ADHS ergänzt.

Im Oktober, dem ADHS-Awareness-Monat, möchte ich deshalb teilen, was mir beim Lesen aufgefallen ist und welche Gedanken mich weiter beschäftigen.


AuDHS – ein Begriff für das gemeinsame Auftreten

Für alle, denen der Begriff noch nicht begegnet ist: AuDHS bezeichnet das gemeinsame Auftreten von Autismus und ADHS bei einer Person. International wird dafür häufig „AuDHD“ verwendet.

Dabei ist eine Unterscheidung wichtig: Beide Diagnosen können gemeinsam vorliegen. AuDHS ist jedoch keine eigenständige Diagnose im DSM-5, einem diagnostischen Klassifikationsmanual der American Psychiatric Association (APA), sondern eine Bezeichnung für diese Kombination. Die APA erläutert in ihrem Informationsblatt zu ADHS im DSM-5, dass eine Autismusdiagnose eine zusätzliche ADHS-Diagnose nicht ausschließt. Autismus und ADHS werden anhand ihrer jeweiligen diagnostischen Kriterien beurteilt.

Auch der Begriff Spektrum verdient einen genaueren Blick. Beim Autismus beschreibt er unterschiedliche Merkmalsprofile und Unterstützungsbedürfnisse. Er lässt sich nicht auf eine Linie von „ein bisschen“ bis „sehr autistisch“ reduzieren. Eine Person kann in einem Bereich gut zurechtkommen und in einem anderen viel Unterstützung benötigen. Auch ADHS zeigt sich individuell unterschiedlich. Daraus entsteht aber keine gemeinsame Skala mit ADHS an einem und Autismus am anderen Ende.

FĂĽr meine LektĂĽre heiĂźt das: Die geschilderten Erfahrungen geben Einblicke. Ich kann daraus nicht ableiten, wie alle Menschen mit AuDHS denken, fĂĽhlen oder ihren Alltag erleben.


Wenn BedĂĽrfnisse scheinbar nicht zusammenpassen

Malicke beschreibt Spannungsfelder, die beim gemeinsamen Auftreten von Autismus und ADHS entstehen können: den Wunsch nach verlässlichen Abläufen und gleichzeitig das Bedürfnis nach Abwechslung. Oder das Bedürfnis nach sozialen Kontakten und den Rückzug, der anschließend nötig sein kann.

Gerade diese beiden Beschreibungen haben bei mir sehr resoniert. Ich erkenne mich in beiden wieder. Beim Lesen fand ich es hilfreich, diese BedĂĽrfnisse nebeneinander beschrieben zu sehen.

Besonders hängen geblieben ist bei mir die Frage nach Struktur und Selbstbestimmung. Klare Abläufe können Orientierung geben. Werden sie zu starr, können sie sich wiederum einengend anfühlen. Beides kann für dieselbe Person relevant sein.

Ich finde diesen Gedanken auch für Zusammenarbeit interessant. Wie viel Orientierung braucht jemand? Wo helfen klare Absprachen? Und an welcher Stelle nehmen Vorgaben unnötig Handlungsspielraum?

Dazu passt eine weitere Überlegung aus dem Buch: Malicke spricht von Merkmalen und fragt danach, unter welchen Bedingungen sie hilfreich oder belastend sein können. Das regt mich an, bei Bewertungen genauer hinzuschauen. Der Wunsch nach detaillierten Informationen kann beispielsweise als umständlich wahrgenommen werden. Er kann aber auch dazu dienen, eine Aufgabe zu verstehen und Missverständnisse zu vermeiden.


Was die Coachingbeispiele greifbar machen

Das Buch ist für leicht zu lesen. Dazu tragen vor allem die konkreten Alltagssituationen bei. An ihnen wird nachvollziehbar, wie sich eine Schwierigkeit entwickelt und welche Fragen im Coaching helfen können, sie genauer zu verstehen.

Ein Beispiel aus den Abschnitten zu Aufgaben und Aufmerksamkeit ist Tarek, eine Person aus einem der im Buch geschilderten Coachingfälle. Mit ihm geht Malicke schrittweise einer Situation nach, in der ein vorhandenes Organisationssystem aus dem Blick gerät. Welche Gedanken kamen dazwischen? Wodurch verlagerte sich die Aufmerksamkeit? An welcher Stelle ging der Aufgabenfaden verloren?

Damit wird verständlicher, was hinter der allgemeinen Beschreibung „Schwierigkeiten mit der Selbstorganisation“ stecken kann. Die Person hat bereits ein System. Um herauszufinden, was helfen könnte, wird zunächst der konkrete Ablauf betrachtet.

Genau diese Nähe zum Alltag habe ich geschätzt. Das Buch bietet praktische Anregungen, etwa einen Zwischenstand festzuhalten, den nächsten kleinen Arbeitsschritt zu benennen oder Formulierungen vorzubereiten, mit denen sich Denkzeit und klare Informationen einfordern lassen.

Mich interessiert daran auch die Haltung: erst verstehen, was in einer Situation passiert und was jemand braucht. So lässt sich gemeinsam herausfinden, welche Veränderung im Alltag helfen könnte.


Hormone als Teil des Alltags

Gut fand ich außerdem, dass Malicke hormonelle Veränderungen aufgreift. Die entsprechenden Abschnitte beschäftigen sich unter anderem mit Pubertät, Menstruationszyklus und Perimenopause.
Der Zusammenhang zwischen Hormonen und ADHS war fĂĽr mich nicht neu. Trotzdem war die LektĂĽre ein Anlass, ihn mir noch einmal bewusst zu machen.
Ein Thema zu kennen bedeutet schlieĂźlich nicht, es im Alltag immer mitzudenken.
Für mich bleibt daraus der Gedanke, dass Bedürfnisse und verfügbare Energie nicht immer gleich bleiben. Das möchte ich mitdenken, wenn es darum geht, was Menschen im Alltag unterstützt.


Warum ich bei den Arbeitsplätzen hängen geblieben bin

Bei den Kapiteln zur Arbeitswelt musste ich an meine eigenen Erfahrungen denken. Großraumbüros mit ihrer Geräuschkulisse habe ich oft als anstrengend erlebt. Auch wechselnde Arbeitsplätze und Clean-Desk-Vorgaben waren für mich herausfordernd. Ein vertrauter Platz, an dem ich meine Dinge nicht jeden Morgen neu anordnen musste, gab mir Ruhe und Orientierung.
Teilweise bin ich deshalb früher ins Büro gekommen, um wieder denselben Platz nutzen zu können.

Beim Lesen wurde mir noch einmal bewusst, wie viel Aufwand solche Rahmenbedingungen für mich bedeutet haben. Zu meiner eigentlichen Arbeit kam hinzu, mich im Arbeitsumfeld immer wieder neu einzurichten. Und ich musste erklären, warum ein ruhigerer oder beständiger Arbeitsplatz für mich hilfreich war.

Malickes Überlegungen zur Arbeitsplatzgestaltung knüpfen für mich genau daran an. Das Buch spricht neben individuellen Strategien auch die Verantwortung von Organisationen an: Welche Erwartungen sind klar? Welche Unterbrechungen lassen sich vermeiden? Welche Möglichkeiten gibt es, unterschiedliche Arbeitsweisen zu berücksichtigen?

Andere Menschen schätzen wechselnde Plätze oder mehr Austausch im Büro. Gerade deshalb interessiert mich, wie solche Unterschiede in die Gestaltung einfließen können.

Für mich beginnt das damit, Bedürfnisse selbstverständlich besprechen zu können. Ich möchte sagen können, dass mir Ruhe oder ein vertrauter Arbeitsplatz hilft, ohne dafür erst eine Diagnose offenlegen zu müssen. Anschließend können wir gemeinsam schauen, was im jeweiligen Arbeitskontext möglich ist.

Die Frage, die ich aus diesen Kapiteln mitnehme, lautet deshalb:

Wie schaffen wir Arbeitsbedingungen, in denen unterschiedliche Menschen gut arbeiten können – und wie überprüfen wir gemeinsam, ob unsere Vereinbarungen noch passen?



Mit dem Studium verändert sich mein Blick

Seit ich mein Masterstudium in Beratung und Beratungswissenschaft begonnen habe, lese ich noch einmal anders. Ich frage genauer nach, worauf eine Aussage beruht: Ist sie eine persönliche Erfahrung, eine Beobachtung aus der Coachingpraxis oder ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung?

Ich merke, dass ich beim Lesen häufiger innehalte und Fragen notiere. Eine Erklärung kann für mich einleuchtend sein, während ich gleichzeitig genauer wissen möchte, wie sie untersucht wurde und auf wen sich die Ergebnisse übertragen lassen.

Wenn ich einzelne Gedanken aus dem Buch später wissenschaftlich aufgreifen möchte, werde ich die zugrunde liegenden Quellen genauer ansehen und weitere Forschung hinzunehmen. Auf diese zusätzliche Perspektive freue ich mich.

Ich kann mir vorstellen, Neurodiversität und Zusammenarbeit in einer späteren Masterarbeit zu vertiefen. Besonders interessiert mich, wie Teams und Organisationen ihre Zusammenarbeit neuroinklusiver gestalten können. Eine konkrete Forschungsfrage steht für mich noch nicht fest. Die Lektüre hilft mir, mögliche Fragen zu sammeln und meinen Blick zu schärfen.


Florian ĂĽber Neurodivergenz in Unternehmen

Wer den Bezug zur Arbeitswelt weiterverfolgen möchte, findet auf dem YouTube-Kanal von Wohnzimmer Neurodivers e.V., dem Bundesverband für Neurodiversität, einen Beitrag mit Florian Malicke zum Thema „Neurodivergenz in Unternehmen“.
Florian Malicke: Neurodivergenz in Unternehmen – auf YouTube ansehen


Fazit

„Leben mit AuDHS“ war für mich eine gut lesbare und praxisnahe Ergänzung zu der Literatur, mit der ich mich dieses Jahr beschäftigt habe. Besonders gefallen haben mir Malickes persönliche Perspektive, die Coachingbeispiele und die Anregungen für konkrete Alltagssituationen.

Ich finde das Buch vor allem für Menschen interessant, die einen zugänglichen Einblick in das Zusammenspiel von Autismus und ADHS suchen. Wer andere Menschen begleitet oder sich mit Zusammenarbeit beschäftigt, kann aus den Beispielen ebenfalls Fragen für die eigene Praxis mitnehmen.

Für mich bleiben besonders die Fragen zur Arbeitsgestaltung. Ein vertrauter Arbeitsplatz ist ein sehr konkretes Beispiel. Dahinter steht für mich eine größere Frage:

Wie ernst nehmen wir unterschiedliche BedĂĽrfnisse, wenn wir gemeinsame Regeln und Arbeitsbedingungen festlegen?

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Ich freue mich ĂĽber Hinweise und den Austausch.

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Franzi Detail

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